VORWORT

STRANDGUT / EIN LITERATURTAGEBUCH

MIT TEXTEN VOM SCHREIBTISCH

(c) Udo Weinbörner

 

 

VORWORT

In der Weite ihrer Möglichkeiten, in der Breite ihrer Ausdrucksformen und in der Fantasie des Schreibenden entzieht sich die Literatur der Enge der Marktgesetze und Marktbewertungen. Beugt sich ein Schriftsteller dennoch den Gesetzen des Marktes, um zu liefern, was ihn und seine Familie ernährt oder auch nur um als Marke im Literaturbetrieb seinen Reichtum zu mehren, entstehen doch so ganz nebenbei immer Texte, Gedankenspiele, Experimente, die mit diesem Teil, der marktkonformen Arbeit in seinem Beruf nicht viel zu tun haben. Texte, die sich dem Marktgeschehen entziehen, die sogar häufig vom Literaturbetrieb gering geachtet werden. Verse, Essays, Gedankensplitter, Dramen, auf die in der Gegenwart niemand gewartet hat (oder vielleicht doch?) und die sich doch, im Nachhinein – schon oft nach weniger als zehn Jahren – interessanter lesen, als jene Texte, die gegenwärtig gefragt, hoch dotiert und in barer Münze gehandelt werden. Eine Banalität vielleicht, dieser Gedanke, aber an dieser Stelle ein Teil meiner Erklärung zumindest, um welche Art Texte es sich bei der STRANDGUT Sammlung handelt.

Das STRANDGUT wird kein Tagebuch im klassischen Sinn darstellen, sondern in gewissen Abständen essayistische, erzählende Texte, Gedichte umfassen, die zu einem Geflecht von Oberbegriffen, die sich aus einem Ordnungssystem ergeben, entwickeln und fortschreiben. Das Ordnungssystem orientiert sich wiederum an den Eckpunkten meiner Biografie, meiner Erfahrungen und meiner Arbeit.

Die Texte sind nicht die Summe der täglichen Notizen. Sie sind zum Teil noch unfertig und im Entstehen begriffen, Bruchstücke einer Arbeit, jedoch Texte, die über meine Bücher und meine Person etwas aussagen können. Da dabei die Zeit des Entstehens eine gewisse Rolle spielt, habe ich die Bezeichnung ‚Tagebuch‘ gewählt, hätte diesen Versuch jedoch auch ‚Literarische Chroniken und Miniaturen‘ nennen können. Aber ich bevorzuge doch die schlichte Gattungsbezeichnung und das bekanntere Wort ‚Tagebuch‘. Es erscheint mir für meinen bescheidenen Versuch angemessen.

Ein Geflecht von Oberbegriffen, ein Ordnungssystem? Es wird wiederkehrende Seiten zu Texten: „Auf der Reise“, „Der Weg der Elster/Sauerlandtexte (Plettenberg/Ohle), „Aufrecht gehen/Wi(e)derstehen“, „Texte für eine undichte Zeit/Gedichte“, „Möglichkeiten/Befindlichkeiten/Wegkreuzungen“ u.a. geben. Jede Seite in diesem Ordner der STRANDGUT–Texte entspricht einem Zeitrahmen des Entstehens. Jede der Internettextseiten kann mehrere Ordnungsbegriffe enthalten. Jede neue Seite bezeichnet einen neuen Zeitabschnitt und schreitet voran wie in einem Tagebuch.

Die Möglichkeiten der Veröffentlichung im Internet jenseits der Frage des Marktwertes, die bei einer Buchpublikation immer als erstes beantwortet werden muss, schafft eine Freiheit, die ich nutzen möchte, den Interessierten tatsächlich unveröffentlichte Texte vom Schreibtisch kostenfrei zum Lesen zu geben. Dass ich mich dabei auch der Möglichkeiten beraube, diese Texte zum Teil für Wettbewerbe einzureichen oder sie manches Mal anderweitig zu publizieren und zu Geld zu machen, werde ich dabei in Kauf nehmen. Ich hoffe, dass dieses Geschenk eines Angebotes von Wert sein kann und Adressaten und Interessenten findet. Ich selbst nehme mir dabei die Freiheit, auf ein Forum auf meiner Homepage zu verzichten, das diese Texte bewerten und diskutieren könnte und will die Wert- und Qualitätsdiskussionen, die immer auch den Marktwert von Literatur widerspiegeln und Zeitgeistströmungen abbilden, nicht einfließen lassen. Wer dennoch meint, Stellung beziehen zu müssen oder dem eine Aussage auf den Nägeln brennt, mag mir einen Brief oder eine Mail schicken. Ich bin erreichbar für meine Leserinnen und Leser und trete immer noch gerne Kontakt mit Literaturbegeisterten. Auch wenn meine Reaktion nicht immer zeitnah und spontan möglich ist.

Es langweilt mich, meine Fähigkeiten nur für Stoffe einzusetzen, die sich vermarkten lassen. Ich mag mit Gedanken und Worten spielen, liebe es, die Sätze so lange zu schütteln und fortzuschreiben, bis sie in keine Schubladen passen und ich mag es auch, dem Flüchtigen meiner Arbeit und in meinem Leben ein wenig Dauerhaftigkeit zu geben. Die digitale Unwirklichkeit des Internets schafft hier einen Raum der Freiheit und der Gefahr gleichermaßen.

Ich weiß heute noch nicht, welches STRANDGUT mir die Flut zutreiben, was ich bei Ebbe vorfinden werde. Ich weiß nicht, wie dann meine Hütte, die ich aus STRANDGUT errichten möchte, am Ende aussehen könnte. Bunt wird sie sein, auf jeden Fall, vielleicht wie jene, dessen Foto ich vorangestellt habe – die Strandburg auf dem Kniepsand meiner Lieblingsinsel Amrum/Nordfriesland.

 

Meckenheim/Bonn, im Juni 2014

Udo Weinbörner