SEPTEMBER/OKTOBER 2014

ENDE SEPTEMBER 2014

 

SCHREIBWERKSTATT/DIE ROMANE

 

Auszug aus einem aktuellen Romanmanuskript, an dem ich gerade arbeite. Abbildung ist eine Seite aus der handschriftlichen Erstfassung. Die Romanhandlung spielt während der Sommermonate in Triest.

 

Gut gelaunt und gar nicht schüchtern, bei schönstem Sonnenschein und leichtem Wind brachen sie zur Wanderung auf. Elvis Gustin steckte allen noch eine kleine Obstwegzehrung zu, und sie wanderten zurück Richtung Borgo Grotta Gigante, deren Besichtigung sie jedoch ausfallen lassen mussten, weiter bis zur Marien Wallfahrtskirche, der Santuario Nazionale a Maria Madre e Regina Monte Grisa, in der Ortschaft Contovello. Viktoria und Arnold, der ebenfalls noch nie hier gewesen war, waren mehr als überrascht, im Karst, in diesen alten, gewachsenen Orten, inmitten der Natur auf ein so außergewöhnliches modernes und imposantes Bauwerk zu treffen, das irgendwie mit seiner Gröβe und Lage Triest und seine herrliche Bucht schon optisch zu beherrschen schien. Die prismaförmige weiße Kirche schien wie aus dem Fels der Karstlandschaft und dem dunklen Grün der Pinien aufgeblüht zu sein. Eine Harmonie an frei zusammengefügten oder peinlich genau errechneten Proportionen, als Kontrapunkt zu den architektonisch strengen angeordneten hohlen und massiven Räumen. Sie verbrachten einige Zeit mit der Besichtigung und Viktoria eröffneten sich dabei mehrfach eine Fülle an immer wieder unerwarteten neuen Eindrücken, die die Kirche mal wie einen gewaltigen Monolithen, mal wie eine sanfte und transparente Spitze erscheinen ließen.

Viktoria hatte es kaum anders erwartet, Paolo Tregesta zündete in der Kirche zu Ehren der Mutter Gottes eine Kerze an und spendete eine Münze vor dem Heiligtum.

Auch Arnold, der unmittelbar hinter Viktoria stand, beobachtete die Szene. In der Stille des Kirchenschiffs klang seine Stimme überlaut und hallte wie zum Jüngsten Gericht: „Wollen Sie vielleicht nicht noch die Beichte ablegen und sich eine angemessenen Buße einhandeln?“ Dazu rieb er zur Geste des Geldzählens Zeigefinger und Daumen aneinander.

„Glauben und Wahrheit sind nicht so einfach, wie es manchmal scheint oder wie sich manche diese Dinge zurecht legen. Sind Sie gläubig?“, antwortete Tregesta mit gedämpfter Stimme. Dann ging er Richtung Ausgang, nicht jedoch, ohne Viktorias Kommentar zu hören, die sagte: „Die Wahrheit in Italien scheint mir etwas von dieser Kathedrale zu haben. Weiß wie die Unschuld und löchrig wie diese Architektur, aus der man von innen in den Himmel sehen kann und in das Blau des Paradieses, aber dennoch massiv und schwer in Beton gegossen hier auf der Erde liegend wie die ewige Sünde.“

Paolo Tregesta machte eine wegwerfende Geste über die Schulter. Arnold nickte anerkennend, sagte aber nur schlicht: „Wie wahr. Aber mit Poesie, liebe Vic, solltest du es nicht versuchen. Ich meine, einen Neustart in deinem zweiten Leben nach Triest…“ Beide lächelten.

Tief beeindruckt von diesem massiven und doch so luftigen Bauwerk brachen sie schließlich Richtung Prosecco auf. Auf der gesamten Tour hatten sie fast immer herrliche Ausblicke über den gesamten Golf von Triest. Bevor sie den kleinen Ort Prosecco erreichten, deutete Tregesta auf den grünen Zweig über einem Torbogen aus schweren Steinquadern, der vor einem alten Bauerngut stand. „Das Zeichen dafür, dass die Osmiza hier geöffnet hat.“

„Hier kann man einkehren?“, wunderte sich Viktoria, die für eine Rast durchaus dankbar war, denn die Wirkung der Morgentabletten ließ spürbar nach und ihr Schritt wurde schleppender und schwerfälliger.

„Das sind private Bauern oder kleine Winzer, die eine Sondererlaubnis für den Ausschank und zumeist auch für den Verkauf von kleinen Imbissen während der Saison bekommen“, erklärte Arnold.

„Eine alte Tradition, die vielen kleinen Gewerbetreibenden hier im Karst das Überleben sichert“, ergänzte Tregesta. Sie mussten anklopfen, denn die Haustür war noch geschlossen und draußen saßen zurzeit niemand. Schlurfende Schritte, dann Geräusche am Schloss. Der Wirt Matteo Sanna schaute durch den Türspalt und begrüßte sie mit knappen Worten und fragendem Blick. Sie könnten draußen sitzen, er käme gleich, ihre Wünsche entgegenzunehmen. Die Jalousien vor den Fenstern blieben wegen der Hitze heute geschlossen. Maria, seine Frau sei krank, seufzte er, blickte zum Himmel und bekreuzigte sich.

Die schwere Tür fiel wieder ins Schloss, und die drei Wanderer standen für einen Moment überrascht und verunsichert dort, schauten schweigend auf altes Mauerwerk, die massive Tür aus Eiche und versuchten, jeder für sich, die Reaktion von Matteo Sanna angemessen zu würdigen.

„Sehr schöne Geranien, findet ihr nicht?“, durchbrach Arnold die Stille schließlich und deutete auf ein Dutzend Töpfe mit roten Pflanzen, die links und rechts neben dem Eingang dekorativ vor sich hinblühten. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und ging zu den Tischen und Holzbänken, die seitlich zum Haus standen. Paolo Tregesta und Viktoria schauten ihm überrascht hinterher und mussten schließlich lachen. „Ja, ja, schöne Geranien!“, rief Viktoria ausgelassen, als handele es sich um die Entdeckung des Tages: „Sehr schöne Geranien sogar!“

Für einen Moment stand Tregesta noch unschlüssig da. Aber dann erinnerte er sich an die etwas ungehobelten Manieren und die dazu im Gegensatz stehende unglaubliche Gastfreundschaft, die typisch waren für diese Gegend. „Ja, ich weiß, eigentlich müssen sich diese Dinge gegenseitig ausschließen. Aber ihr werdet schon sehen…“

„Dann ist ja alles gut“, grinste Viktoria und ging ihrem Freund, der bereits einen Tisch unter einem Maulbeerbaum anstrebte, hinterher. Sie konnten der Versuchung nicht widerstehen und kosteten von den schwarzen Früchten. Im wohltuenden Schatten des Baumes streckten sie die Beine von sich und wären fast eingeschlafen, aber da stand Matteo Sanna schon vor ihnen, die Schürze vor seinem Bauch gebunden, knorrig wie die Mastixbäume, die sich in der Nähe einer bizarren Felsformation mit ihrem Wurzelwerk festkrallten und wegduckten, um dem Wind kaum Widerstand zu leisten und den Jahrhunderten trotzen zu können. Die Stärkung mit selbst gebackenem Brot, Karstschinken und Oliven, die Matteo Sanna zu Traubensaft und Wasser und natürlich einem Schluck Terrano brachte, ließ nichts zu wünschen übrig und sie waren froh, nicht einfach weitergegangen zu sein.

„Wie sicher sind Sie, dass nichts Strafrechtliches bei der Beschlagnahme des Gemäldes rauskommt? So ein Verfahren, das im Sand verläuft, kostet doch auch etwas“, fragte Viktoria.

„Ziemlich sicher“, antwortete Tregesta.

„Auf einer Skala von Eins bis Zehn, die Neun für ziemlich sicher?“, fragte Arnold.

„So ungefähr. Wenn es nur um dieses eine Bild gehen würde, vielleicht wäre man da etwas genauer, Signora Farber, aber jetzt geht es schon um einige getätigte Verkäufe,um enorme Summen und nach den Untersuchungen könnte zu viel auf dem Spiel stehen für den Kunstmarkt und die italienische Kunstszene überhaupt“, antwortete Tregesta, ohne konkret benennen zu können oder zu wollen, welche Lösungen denkbar wären.

„Junge Kunstszene? Kennen Sie sich da auch aus? Wie ist er denn so, der junge Wilde, der Maler Azzuro?“, fragte Arnold

„Ein irrer Typ. Immer unter Strom, ständig kreativ zwischen Kitsch und Genie zu finden. So etwas lässt sich vermarkten, bekommt recht schnell seinen Preis, ist etwas Besonderes. Kommen Sie zu seiner Eröffnung, wenn er die ersten von der Stiftung geförderten Projekte präsentiert. Sie werden sehen, ein richtiges Malerhappening. Das Geld ist da gut angelegt.“

„Wieviel haben Sie denn wirklich eingestrichen?“, fragte Viktoria ihn unmittelbar und schaute ihn groß an.

Ohne zu Zögern antwortete Tregesta: „Nicht genug, um mich damit zu einem reichen Herrn zu machen. Wollen Sie eine Beteiligung? Ich denke gern darüber nach. Kein Problem.“

„Nein danke. War nur so ‘ne Frage“, antwortete Viktoria. „Das war wenigstens mal ehrlich. Jetzt vertraue ich Ihnen schon mal ein Stückchen mehr…“

Dann ging es weiter den Karst hinab. Immer häufiger mussten sie jetzt auf jeden Schritt achten, statt die Aussicht auf die Bucht von Triest zu genießen. Wie gebleichte Knochen ragten scharfe Kalkriffe aus dem Boden und drohten zu Stolperfallen zu werden. Auch das Laufgeräusch änderte sich; Kalkschotter klimperte unter den Sohlen. Das Geräusch klang gerade so, als sei man auf einem Strand unterwegs, der anstelle von Sand aus Scherben bestünde. (...)