SEPTEMBER 2015

SEPTEMBER 2015

TEXTE FÜR EINE UNDICHTE ZEIT/GEDICHTE:

 

Entschuldigung, ich schreibe Gedichte

Ich erinnere mich an einen Schreibworkshop, den ich in diesem Jahr an dem Gymnasium meiner Heimatstadt durchgeführt habe und an die Frage eines der Oberstufenschüler, die er mit schüchternem, gequälten Lächeln vortrug: „Muss ich mich wirklich mit der Sinnhaftigkeit und dem Inhalt von Gedichten auseinandersetzen, wenn ich im späteren Leben damit doch nichts mehr zu tun haben will?“ Zugegeben, keine besonders originelle Frage, sondern vielleicht sogar eine Frage, die man geradezu erwartet. Üblicher Weise weiß der Schriftsteller und glühende Literaturliebhaber darauf mit überlegenem Lächeln von der Schönheit der Poesie zu schwärmen, davon zu berichten, wie Verse den Kern unserer Sprache berühren und ausmachen können, unser Bewusstsein erweitern und unser Dasein bereichern. Doch ich erinnere mich, dass ich in dieses nach wie vor zweifelnd dreinblickende junge Gesicht geschaut und, getragen von der Hoffnung, dass die Jahre ihm den Wert dieser Stunde und Argumente schon beibringen werden, mich wie selbstverständlich wieder der Literatur zugewandt habe.

Aber machen wir uns nichts vor: Der Schüler hatte Recht! Niemand braucht Gedichte zum Leben. Sie haben keinen eigenen Waren-Wert. Sie bekommen erst einen Wahren-wert, wenn jemand ihnen selbst Stück für Stück eine eigene Bedeutung in seinem Leben zumisst. Vielleicht ist Literatur insgesamt in diesem Sinne schon längst überflüssig. Aber doch ein netter Zeitvertreib, oder? Stoff für Kinofilme und Rapptexte…

Aber Gedichte? Diese seltsamen Gebilde, diese verklausulierte Sprache, unvollständige Sätze, Vokabeln wie aus einer anderen Welt? Warum zwanghaft unscharf sehen wollen, wenn mittlerweile bereits von Computerprogrammen und Maschinen Sehschärfe als Massenware für den jeweiligen Bedarf geschliffen werden kann? Warum jammern, wenn man der brotlosen Kunst des Verseschmiedens nachgeht? Der Vers hat keinen Wert – noch nie gehabt! Quält die Kinder, quält den Literaturbetrieb nicht länger mit all den literarischen Hinterlassenschaften! Begegnet den Dichtern in einer lecken Welt mit Misstrauen! Sie sind Träumer – sie haben keine Ahnung!

Und dennoch: dann die Klage jener, sie fänden keine Zeit zu lesen. Keine Zeit zum Nachdenken, zum Innehalten sie fühlten sich beschränkt auf ihr eigenes und vollkommenes Dasein. Und darauf die spontane und überzeugende Antwort des Moderators der Sendung ‚druckfrisch‘, des Herrn Dennis Scheck, „Wer keine Zeit für langfaserige Romane hat, soll Gedichte lesen, dafür braucht man oft nur ein paar Minuten – und trotzdem ist in ihnen alles enthalten, was in einem Menschenleben Platz hat.“ Recht hat er! Literatur hat keinen Markt-Wert und sie ist doch das Wertvollste, was wir an Ausdrucksmöglichkeiten haben, um uns in unserem Alltag über den Tellerrand blicken zu lassen. Gedichte machen den Unterschied zwischen einer platten Fotografie, einem Knipsen beim Sonntagsausflug und einem Gemälde aus. Das Gemälde mag Unschärfen haben, es mag in stundenlanger Arbeit entstanden sein und es mag sich vielleicht als unverkäuflich erweisen, aber es bietet einen ganz eigenen und individuellen Blick auf die Wirklichkeit und weist über die Zeit, die Entstehung und das Individuum hinaus. Das ist Kunst, die uns bereichert, wenn wir in der Lage sind, uns ihr zu nähern. Wer dieses Gemälde versteht, wird zudem der platten reißerischen Bildwerbung widerstehen. Dass mir dieser Vergleich damals im Workshop nicht eingefallen ist, dafür möchte ich mich bei dem Schüler entschuldigen.

((c)Udo Weinbörner)

Lyriklesung mit dem Bochumer Autor Michael Starcke im Literarischen Salon von Frau Sabine Grusa (Meckenheim) am 08. September 2015

 

 

Auf Reisen:

 

Bei Gelegenheit (Spiekeroog Ostfriesland)

Die Möwe schreit, man kennt das ja

Es braust das Meer an Land

Die Kinder quengeln nach Papa

Bei Sonnenschein so Schritt vor Schritt

ein gutes Stück am Schaum

der Kronen und der windgepeitschten Gischt entlang

findet man sich dann nicht weit allein – zu zweit

und fragt sich bang:

Wie wird man leben, wohnen, lieben

und wie lang?

Doch jeder Gedanke wie ein Möwenflug

strebt himmelwärts ins Blau und freut sich

an solchem Tag, fühlt er sich dabei noch so klug

schmilzt wie das Eis er vor Verlangen in der Düneneinsamkeit

bist du mir nah

Ich spür‘ es schon,

das Rauschen und mein Tauen unter Küssen…

Ach, wie werd‘ ich Spiekeroog und jene Gelegenheit vermissen!

(c) weinbörner