SEPTEMBER 2014

SEPTEMBER 2014

Schreibwerkstatt:

Aus Anlass des Erscheinens meines Gedichtbandes "Zart will ich dich berühren", einer Auswahl von Gedichten aus 30 Jahren, im Bochumer Universitätsverlag Brockmeyer, entstandener Text.

Nutzlos wieder

Und nutzlos wieder
dieses Treiben,
statt Dächer bauen,
Gedichte schreiben,
um später lauthals
dann zu klagen,
über die Ungerechtigkeit
an Regentagen.
Doch jedes Glück will Ewigkeit
und ist geboren schon dem Ende hin geweiht,
wo dann unter dem Dach mit Tränen
die Trauer dicht beisammen steht,
wo nichts mehr reimt,
bleibt nur das Sehnen,
nach einem Fundament,
das die zu kleinen Dächer trägt.

 

Warum ich Gedichte schreibe

Nun also Gedichte. Dem Himmel eine Sprache, die doch von unserem Alltag erzählt. Worte wie Sterne, die über uns hinaus in die Ferne weisen. Die Sterne, die nicht lügen. Schwer zu vermarktende Ware, aber nicht käuflich, nicht bestechlich, erhaben über die Zeit. Verse und Strophen, sorgsam geborgen aus dem Steinbruch der Gegenwart, fugengenau aneinandergefügt, als gäbe es sie so schon ewig. Wenige Worte auf Papier. Braucht niemand. Rechnet sich nicht. Das Spiel damit, einzelne Worte, Klänge, die sich aneinander schmiegen und die Gedanken weiter tragen, als gehörten sie schon seit Urzeiten zusammen. Dabei der Blick dafür, das Handwerk, sie dennoch immer wieder und weiter auf den witterungsbeständigen Kern zu reduzieren. Den Kern, der uns berührt, unsere Lebenslust und Trauer. Sprache, die uns still werden lässt oder uns zum Singen verführt. Das ist die Kunst dieses Schreibens, des Gedichteschreibens.

Wir alle brauchen sie, diese knappen Sprachgebilde. Diese Essenz der schönen Worte, aus denen auch die guten Romane und Erzählungen entstehen, die Worte, die Bewusstsein schaffen und das Feuer, das unser Leben erwärmt, die Hitze der Leidenschaft befeuert, das Mitgefühl, das uns den Tod überwinden lässt, die Eiseskälte einer Anklage im Angesicht des Unrechts. Die Menschen hocken in den Höhlen ihres Lebens, sie sind da mehr oder weniger gefangen, draußen toben die Elemente. Aber der Dichter ist da, mitten unter ihnen, erzählt Geschichten, lässt seine Sprache leuchten. Alle sind von Dunkelheit umgeben, aber diese nicht fassbaren Elemente um sie herum… Der Dichter muss nur nach ihnen greifen, um sie sichtbar zu machen. Das ist schon seit ewigen Zeiten so. Sie beginnen zu singen, trösten sich mit Reim und Melodie, schöpfen Zuversicht, erzählen sich Geschichten, aus ihrem Leben. Wir alle hören gern Geschichten, lassen uns gern verzaubern. Die Einsicht, dass dieser Strom der Worte nicht versiegen wird, dass man aber für jede wahre Erkenntnis wählerisch werden muss und dass – bei allem Zauber – alles Gesagte, wie vollendet gedichtet auch immer, unvollendet bleibt im reißenden Fluss des Lebens.

Im Gedicht übe ich als Schriftsteller die Sprache, lasse ich mich mitten im Strom der nicht enden wollenden Romane und Erzählungen auf einen Punkt hin reduzieren, wenige Verse nur, manchmal allein ein, zwei Bilder, die eine Brücke bilden zwischen Dichter und Leser. Und dennoch das Erstaunen darüber, dass dort, wo die Worte auf einer einzelnen Seite knapp geworden sind, nichts mehr hinzugefügt werden muss und eine ganze Geschichte entstanden ist. Das Wunder der ausgelassenen Zeilen, die Raum lassen für ein tieferes Verstehen und das, was zwischen uns Menschen geschieht.

Ich lese und schreibe Gedichte, weil ich sie brauche, um den Schatz der Sprache, den ich als Erzähler auch auf vielen Seiten immer wieder hebe, aus dem ich mich bediene, nicht zu verlieren. Eine Achtsamkeit für die einzelnen Worte zwingt mich zum Handwerk. Die Gedichte lassen mich die Welt und in ihrer Eigenheit die Liebe und das Leben besser verstehen und ertragen. Warum sollte ich mich da um den finanziellen Aspekt zu sehr sorgen? Ich schreibe Gedichte, weil ich sie brauche und irgendwie brauchen auch sie mich auf ihrem Weg in eine lebenswerte Welt.

„Wer jetzig Zeiten leben will, muss haben ein tapfres Herze.“ In Tagen wie diesen braucht auch der Leser den Zauber der Poesie, um nicht zu versinken in der sumpfigen Landschaft von Krimis und Kapital. Er braucht die leisen, zarten Töne. Unsere Sprache verdient Achtsamkeit, sie sagt viel mehr aus über uns, und sie prägt unser Denken und Fühlen. Deshalb sind Lyrikbände wichtig und richtig und gehören auf den Speiseplan einer jeden Leserin und eines jeden Lesers. Darum schreibe ich Gedichte.