OKTOBER 2015

OKTOBER 2015

Auf Reisen

 

Udo Weinbörner

Begegnungen

Die Versuchung ließ nicht locker. Ein Mann, etwas über Siebzig, las in einer gelben Reclam Ausgabe von „Die Akten des Vogelsang“, während er auf sein Abendessen wartete. Unser Tisch nur wenige Meter entfernt. Uns wurde bereits die Nachspeise serviert. Wann passiert einem das schon einmal, dass jemand in unmittelbarer Nähe vollkommen von der Lektüre eines der eigenen Lieblingsschriftsteller absorbiert zu sein scheint. Ich kenne in meinem Bekanntenkreis kaum jemanden, der sich offen zur Wilhelm Raabe-Lektüre bekennt. Dabei bekäme unserer Zeit dessen tapferer Kampf gegen die selbstgefälligen und verstaubt konservativen Philister ausgezeichnet. Ich kenne kaum jemanden, der sich der Mühe einer im Buch mehrfach wechselnden Erzählperspektive und der in Erzählsituationen angepassten Satzkonstruktionen und einem differenzierten Sprach- und Bildungsbewusstsein mit der Waffe aufmerksamster Lektüre stellt.

Und jetzt? Meine Freundschaft zu Raabes Büchern wuchs in meiner Zeit als junger Mann, als ich nach Bonn zog und die Antiquariate entdeckte. An jeder Ecke der Stadt standen diese verstaubten Bücherfundgruben – die Zeugnisse der Unsterblichkeit großer Literatur. Läden, in denen man Zeitreisen antreten und Buchfanatiker treffen konnte, kluge Diskussionen führte oder einfach etwas über Geschichte und Sprache lernte. In den Jahren meiner Arbeit als Vorbereiter von Ministerkorrespondenz und Verfasser von Reden im Bundesministerium der Justiz nahm meine Freundschaft zu Raabe große Ausmaße an. Vielleicht speiste sie sich aus dem Gegensatz meiner der Tagesaktualität verpflichteten Arbeit in einer aufregenden Zeit, in der ich mich mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, mit dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung zu befassen hatte? Was mochte den Mann am Nachbartisch zu Raabe geführt haben? Er gehörte einer anderen Generation an.

Die Versuchung siegte. Er war ebenso überrascht, auf einen Raabe Liebhaber zu stoßen. Der Leser, ein Landarzt im Ruhestand, erwies sich als ein einsamer Denker. Wir tauschten unsere Lieblingsbücher und Lektüreerfahrungen betreffend Raabe aus. Ich weiß noch, wie ich erklärte, dass ich nicht unbedingt seinen größten damaligen kommerziellen und literarischen Erfolgen anhinge: ‚Abu Telefan‘ oder ‚Die Chronik der Sperlingsgasse‘ hätten mich beispielsweise weniger bewegt als der Untergang Magdeburgs in ‚Unseres Herrgotts Kanzlei‘ oder der geradezu modern erzählte Roman ‚Pfisters Mühle‘ mit dem Umweltschutzthema. Nach dem Essen führten wir das Gespräch wie fast selbstverständlich fort. Für mich gehört der Gedankenaustausch über Literatur zur Lebensqualität und zum Inhalt meines Alltages wie für andere das Essen oder Reisen. Er gestand, dass dies für ihn die Ausnahme sei. Er genüge sich als Leser selbst und er sprach vage von Verletzungen und Erlebnissen in einer Welt, die ihm zunehmend fremd und bedrohlich geworden wäre und zu der er nicht mehr gehören wolle. Er wolle keine Enttäuschungen und Verletzungen mehr und erfreue sich in der Ruhe und Abgeschiedenheit an der Lektüre alter Romane und sehr alter Schriften, teilweise sogar in lateinischer Sprache. Schnell spürt man im Gespräch über Raabes Bücher, dass solche Lektüre viel mehr voraussetzt als das Papier, auf dem die Sätze teilweise zwei Jahrhundertwenden ihre Reise bis zum Leser heute angetreten haben. Rasch wurden Bezüge hergestellt zu anderen Autoren, zu anderen Romanen, zu literaturgeschichtlichen und überhaupt geistesgeschichtlichen und sozialen Erkenntnissen. Natürlich las der Buchliebhaber die Romane und Erzählungen vollständig und vor dem Hintergrund des im Lauf der Zeit wachsenden Wissens auch von einem neuen Erkenntnisstand aus mehrfach.

Der Arzt im Ruhestand hatte viel zu geben, aber im Alltag fast jede Brücke zur Gesellschaft abgebrochen, von der er nichts mehr für sich erwartete. Er erwähnte in diesem Zusammenhang ein grandioses Konzerterlebnis in der Kölner Philharmonie und eine albtraumhafte Heimfahrt in einem mit betrunkenen Fußballfans übervollen Regionalzug. Das sei die Realität, die alles zunichte mache und der er sich nicht mehr zu stellen gedenke. Er sei seit dem nicht wieder in einem Konzert gewesen und er brauche auch künftig solche Erfahrungen nicht mehr. Wer lese heute noch wirklich und sei an einem intellektuellen Austausch interessiert. Er sei sicher, wenn er hin und wieder einen Blick in die moderne Literatur werfe, die ihm zumeist nur sehr wenig sage, dass kaum jemand seine Vorlieben und die Werte, denen er sich zuwende, verstehen könnte. Also pflege er strenge Rituale: jeden Tag denselben Tisch im Lokal, dieselben Getränke, Vorlieben bei den Speisen, vertraute Umgebungen und bewährte, leicht erreichbare Reiseziele. Das alles schaffe geistige Freiräume für eine anspruchsvolle, glückhafte Lektüre. Das reiche ihm, die Kunst zu verstehen und zu bewundern.

Meine Frage: Wem nützen alle Erkenntnisse über die Schönheit, das Engagement oder die Zeit, in der Werke entstanden sind, wenn wir sie als Leser mit niemandem mehr teilen? Keine Frage, in wenigen Sätzen wurde mir klar, der Mann erwies sich als ein großartiger, ein blitzgescheiter Leser. Höchst empfindsam für die Belange der Zeit schlug er die Buchdeckel auf und tauchte in Raabes Gedanken, Sprache und Zeit ein. Doch war Raabe selbst nicht ein zu engagierter, zeitkritischer, ja auch politischer Autor? Es erschien mir irgendwie doch ein Widerspruch in sich, die Fackel einer neuen Zeit, des politischen Aufbegehrens in Raabes Romanen mit sich zu tragen und andererseits diese Fackel nur dafür zu benutzen, das fein möblierte Herrenzimmer im Haus des Gebildeten Bürgerlichen zu beleuchten.

In diesem Sinn drang ich in die Festung meines neuen Freundes ein und er öffnete sich jeden Tag ein wenig mehr. Bald sah ich ihn nicht nur mit mir, sondern auch mit anderen Gästen, sogar mit dem Personal seiner Lieblingslokalitäten reden und diskutieren. Niemand schien sich an der vor ihm liegenden Raabe Lektüre und einigen Lateinschinken zu stören. Ich freute mich über diese Entwicklung, wusste aber zugleich, dass mein neuer Freund und ich dennoch Sonderlinge in dieser Welt bleiben würden. Nicht nur bei Schülern einer Oberstufe hatte ich wahrnehmen müssen, wie deutlich die digitalen Transformationen unserer Informationsgesellschaft die Lesegewohnheiten junger Menschen und ihre Denkstrukturen veränderten.

Doch bereits in der Woche nach dieser Begegnung mit dem ehemaligen Landarzt traf ich eine Autorin (um die Mitte Vierzig), die während unseres mehrstündigen Zusammentreffens permanent im Datenstrom von Handyinformationen und Kontakten und im E-Mail-Fluss mitschwamm. Während unseres Gesprächs bot sie zwei Verlegern ein Manuskript an, verabredete drei Lesungen und Sonderkonditionen. Nein, eine längere, gar vollständige Lektüre passte nicht zu dem verfügbaren Zeitfenster. Ihre Lektürepraktiken entsprachen dem diskontinuierlichen Lesen, einer akademischen Lektüre im Freiflug über die Landschaften der Inhaltsverzeichnisse und Register, einhergehend mit einer Literaturverkostung beim erfahrenen und raschen Hin- und Herblättern.

Entsprechend ersetzen diese Autoren in den modernen Romanen Standpunkte durch harte Schnitte und Cliffhanger, sie verzichten auf indirekte Sprache, auf Ironie oder Sarkasmus, vereinfachen durch Verzicht auf vollendete Vergangenheit. Sie belassen es bei knappen und Unschärfen, schreiben schneller, härter und zielorientierter, filmgerecht – und : Cut! Spannungsbögen verdrängen Inhalte und Formate sind auf Marktmaße zurechtgestutzt. Natürlich lässt in der Folge auch bei den Käufern der Bücher die Ausdauer bei der Lektüre weiter nach. Dafür, gestand mir die Autorin, fehle ihr die Zeit. Die umfassende Lektüre von Seite zu Seite werde schon nach einigen Seiten abgebrochen. Wofür auch, wenn es nur darum gehen kann, den flüchtigen Reiz der Neugierde zu befriedigen. Was dann folgt, wird vom Leser in ganzen Passagen nur noch grob überflogen. Schon am nächsten Tag kann sich kaum jemand genau an Gelesenes erinnern. Die Lektüredisziplin gehörte noch einer Zeit an, in der Autoren die Realität abbildeten und Einfluss auf sie nehmen wollten. Sie vereinfachten und beschönigten nichts, und ihre Leser liebten sie dafür und lasen ihre Romane von Anfang bis Ende und teilweise mehrfach.

Und wenn sie nicht gestorben sind, trifft man noch in freier Wildbahn auf seltene, verstreut lebende Wesen, die beharrlich mit Bibliotheken und Sprachvielfalt der Nivellierung durch Big Data und Digitalplattformen entgegentreten. Bitte angesichts der inzwischen beerdigten Antiquariate in Bonn und anderswo, Artenschutz beachten, diese seltene Spezies füttern und ihnen alle erforderliche Zuwendung zuteil werden lassen, damit sie sich recht bald heimisch fühlen.

Doch Reservate sind sogar in der digitalen Welt möglich – und wer weiß, vielleicht könnte unser Landarzt im Ruhestand über ein entsprechendes Forum, über die Nutzung dieser zeitgemäßen Medien längst zu Gleichgesinnten gefunden haben. Beides ist möglich:

  • Die Verweigerung, um etwas konservativ zu bewahren und sich an der Schönheit Kunst freuen, bevor die digitale Verflachung alles nivelliert und in den Dreck zieht,

  • aber auch die Nutzung der digitalen Möglichkeiten, um mit Gleichgesinnten Kräfte zu bündeln und dem Verlust der Vielfalt von Sprache und Kunst entgegenzuwirken.

Vielleicht gelingt es mir, den Landarzt zu ermutigen, und vielleicht bekommt er sogar eine Antwort, die ihn dauerhaft zu einem Dialog führt. Er hätte viel zu geben. Ich bin sicher, dem ollen Raabe würde es gefallen, auf ‚Lovely Books‘ einer Leserunde vorzustehen, um nicht in aller Zukunft in der Enge der Publikationen in der ‚Gartenlaube‘ ersticken zu müssen. Hin- und hergerissen, habe ich eine alte Geschichte von mir „Der seltsamen Monsieur Wei“[1] in die Hand genommen und gelesen, Seite für Seite. Von meinen erzählerischen Einsichten vor so vielen Jahren war ich überrascht. Am Ende begegnet man immer auch sich selbst.

 



[1] Erschienen in: ‚Das pseudonyme Universum‘, Hsg. R. Gustav Gaisbauer, 2000, im Ersten Deutschen Fantasy Club