OKTOBER 2013

OKTOBER 2013

 

 

1. Möglichkeiten, Befindlichkeiten, Wegkreuze

 

Also, Lebensabend in Meckenheim auf dem Lande vor den Toren Bonns als Schriftsteller. Ein letztes Gespräch unter vier Augen mit dem Präsidenten, keine offizielle Verabschiedung, noch immer das Hadern mit dem Alltag, mit meiner Krankheit, die Sorge um jene, für die ich auch Verantwortung getragen habe und das eigene Unverständnis, jetzt nicht mehr dazu zu gehören. Bleibe unbelehrbar engagiert, doch belobigt, bewundert, ausrangiert.

Freier Schriftsteller? Dieses Gefühl mag sich nicht einstellen, wäre vielleicht verlogen. Vielmehr ganz nüchtern, das Arbeitszimmer mit Blick nach Nordosten auf die letzten nicht bebauten Felder und die Schwierigkeit, einmal Begonnenes abzuschließen. Plötzlich fällt das Schreiben schwer. Freiheit will gelebt sein.

Das Bewusstsein, dass auch diese Arbeit, die Freiheit zu schreiben, abhanden kommen könnte. Dass das Leben auch hier den Schlusspunkt setzt.

Nicht loslassen können, noch einmal auf das zurückgreifen, was vertraut, was beherrschbar schien. Im Februar also eine eigene Vortragsveranstaltung zur Rechtshilfe in Brandenburg/Königs Wusterhausen. Noch einmal glänzen, noch einmal der Zuspruch von den Kollegen. Ja, ich bin wirklich gut und stehe mir dabei für einen Neuanfang im Weg. 55 Jahre alt werde ich und bin bockig wie ein Grundschüler, der eine Strafarbeit zu erledigen hat. Die umgestürzten Bäume auf dem Weg, die Findlinge und Felsbrocken, die ein Weiterkommen verhindern – ich beklage mich laut darüber, bin sie doch selbst.

 

An manchen Tagen*

 

 

An manchen Tagen macht die Sonne blind, stell ich mir keine Fragen, spür wie die Lebenszeit verrinnt, dann schweigt der Vogel in dem Baum, der Fisch im Rhein flieht bis ins Meer, die Turmuhr gähnt und rührt sich kaum, mein Kopf ist vogelfrei und leer. Selbst meine Träume kreuzen schwarze Katzen, jedes Gefühl nur schwer wie Stein, man glotzt mich an und schneidet Fratzen, für große Dinge bin ich viel zu klein. An jeder Straße brüllt die Ampel Rot! Getrieben werd ich von dem sicheren Tod, man zwingt das Leben mir zur Pause, will keinen sehen, will nur nach Hause. So stolpere ich an manchen Tagen durch all die Straßen meiner Niederlagen.

*Eine Blues-Variation auf das Gedicht „Rückblick, Einsicht, Aussicht“ von Robert Gernhardt unter Verwendung einiger seiner Metaphern. Gernhard, ein Leichtfüßiger, ein Spötter, ein Erbe HEINRICH HEINES. Aus: Gernhardt, Reim und Zeit, Reclam, 2009, Seite 176; s.a. Gesammelte Gedichte, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 2008.