JANUAR 2015

JANUAR 2015

Aufrecht gehen/Wi(e)derstehen

 

Kurzgeschichte

ROSEN FÜR EVA

Jetzt ist doch noch jemand gekommen. Im Flur sitzt eine junge Frau um die dreißig mit ihren beiden Kindern.

Ich halte die Tür auf. Die Frau nimmt ihre beiden Kinder an die Hand und kommt herein. Ich sehe immer zuerst auf die Gesichter. Die meisten kommen nicht gern. In den Gesichtern sehe ich den Unwillen, die Eile, die Hast und manchmal auch Wut und Verachtung. Ich spüre bei vielen schon die Ablehnung und das Misstrauen, höre einen fordernden Unterton in der Stimme, bevor sie anfangen zu sprechen, in sicherer Erwartung, auch hier abgewiesen, abgewimmelt zu werden. Es ist nicht unbedingt eine angenehme Tätigkeit hier, aber ich habe mit Menschen zu tun, und ich versuche, mir die Zeit zu nehmen, die ich eigentlich nicht habe.

Das Gesicht der Frau ist ausdruckslos. Ihre Kinder sind blass und nervös. Sie hat Mühe, beide im Zaum zu halten.

Noch bevor ich die Tür wieder schließen kann, bringt Schmidt den letzten Aktenzutrag vor der Mittagspause. Ich habe Hunger und bin müde. Ich bitte sie, Platz zu nehmen, setze mich an meinen Schreibtisch. Obenauf der Vorgang mit dem Sofort–Zettel macht mich nervös. Ich nehme ein leeres Blatt, bin bereit, mir Notizen zu machen. Müde sieht sie aus, gebrochen. Ich spüre sofort, dass sie nicht gekommen ist, um für ihr Recht zu kämpfen. Die Kinder lärmen, sie lässt sie in Ruhe. Ich gebe beiden Stifte und Schmierzettel.

„Nun? Womit kann ich Ihnen helfen?“, beginne ich vorsichtig.

Sie zögert, spricht zaghaft, ein wenig stockend und blickt zu Boden.

Sie streicht die Haare aus dem Gesicht und ich sehe den Bluterguss und die Schrammen, die sich von der Stirn bis auf die rechte Wange ziehen. Sie streckt die linke Hand vor. Das Gelenk trägt einen Stützverband. Sie rollt die Ärmel hoch und ich sehe Brandflecken. Sie redet unablässig weiter, langsam, bedächtig, wie in Trance. Ich vergesse die Akte mit dem Sofort–Zettel, die Mittagspause, meinen Hunger. Sie weint, während sie erzählt, ohne zu schluchzen. Einfach so, still, als ob es zur Erzählung dazugehört. Ich bemerke ihre Tasche neben dem Stuhl. Der Kleinste zieht an ihrer Bluse. Sie nimmt ihn auf den Schoß. Er tritt gegen den Schreibtisch.

Ich erkläre ihr Dinge, wie Getrenntleben, Scheidungsverfahren, Haushalt und Unterhalt, weise Sie auf die Möglichkeit eines Strafantrags hin, frage sie, ob sie Beratungshilfe will, bräuchte Angaben, Belege zu Einkommensverhältnissen. Sie lächelt verlegen, hört geduldig zu, stellt ein paar Fragen.

Sie will keinen Antrag stellen. Sie will reden und bleiben. Dafür bin ich nicht da. Sie hört auf zu reden und sieht mich an. Ich weiß jetzt, dass es für sie kein Zurück mehr geben kann.

Er bringt mich um, sagt sie leise.

Ich bin erst zwei Monate hier und hilflos. Sie weiß nichts. Ich suche nach Worten. Finde keine. Greife zum Telefon. Das hilft meistens. Ich habe Glück: Da ist jemand, der Bescheid weiß. Ich mache ihr Mut. Sie hat einen Platz im Frauenhaus, der vielleicht ein paar Wochen vor ihrem Mann geheim gehalten werden kann. Sie kann sich ausschlafen. Man wird sich auch um die Kinder kümmern. Ich bin froh, dass ich vermitteln konnte.

Sie sagt: „Was soll denn nur werden?“

Ich weiß wieder keine Antwort, würde so gern ein weißes Blatt einspannen und schreiben: … Es erscheint, ausgewiesen durch Personalausweis und erklärt… Der Sache einen Fortgang geben. Das habe ich gelernt während meines Studiums. Das Blatt vor mir bleibt weiß. Der Gerichtstermin findet nicht statt. Aber ich habe ihr helfen können. Das allein zählt. Ich schiebe ihr einen Zettel mit der Adresse des Frauenhauses zu.

Sie muss einmal hübsch gewesen sein. Sie versucht ein Lächeln. Ich könnte ihr sagen, dass ich jetzt Mittagspause habe. Könnte sagen: „Soll ich Sie begleiten. Ihnen helfen, mich um die Kinder kümmern?“ Könnte ihr noch Mut zusprechen. Aber das geht nicht.

Ich sehe, wie sie langsam wieder aufsteht, mit ihren Kindern redet, sehe, wie ihrer Ängste und Sorgen wieder Besitz ergreifen von ihrem Gesicht, wie sie plötzlich alt wird und verletzlich.

Ich erinnere mich an meine Eltern, die das Nachbarkind nachts draußen von der Straße reingeholt hatten. Deren Eltern waren ausgegangen, sie hatte schlecht geträumt, war aufgewacht. Eva hatte die Eltern gesucht, die Tür war hinter ihr zugeschlagen. Sie stand damals draußen und weinte. Ich weiß noch, dass ich ihr meine Lieblingspuppe geschenkt habe und sie hatte wirklich für einen Moment aufgehört zu weinen.

Ich gehe ihr nach in den Flur, spreche sie an. Sie ist erstaunt, verwirrt, und ich schenke ihr die Rosen, die ich heute Morgen für meine Frau gekauft hatte.

Ich spreche zu den Kindern, streiche über ihre Haare, weil ich ihr nicht ins Gesicht sehen mag. Die Kinder lachen verlegen.

„Das hat noch nie jemand getan“, sagt sie, und ich habe Mühe, mich umzudrehen und zu gehen.

Als ich die Tür zu meinem Zimmer schließe, sehe ich, wie sie sich Tränen von der Wange wischt. Dann lächelt sie mir zu, ganz automatisch, als ob sie das wirkliche Lachen verlernt hätte. Die Kinder an ihrem Arm ziehen sie Richtung Ausgang.

Mein Telefon klingelt. Ich werde erwartet.

 

(c) Udo Weinbörner