JANUAR 2014

Januar 2014

 

 

Der Weg der Elster/Sauerlandtexte (Plettenberg/Ohle)

 

Elsterweg 9, Plettenberg-Ohle/Papenkuhle, dort bin ich aufgewachsen. Seit vielen Jahren ringe ich um den richtigen Abstand für einen literarischen Blick auf die Dinge, die sehr persönlichen Erinnerungen, die Lebensverhältnisse. Der Grund, warum ich dort weg bin, warum ich immer wieder zurückkomme. Esist nie leicht und zum Jahreswechsel immer ein Gedanke.

 

  Vater 


Zuerst dachte ich

am Rand zum erdigen Loch:
Hier habe ich nichts verloren,
nichts, was man irgendwobei
mir vermissen könnte.

Kindertage:
Ziegelsteine – blutrot – im Hof,
Lehmstraßen und Murmelspiele.
Eine Seilbahn über allen Köpfen,
die den Dreck vom Werk
auf den Berg beförderte.
Ein Leben
zwischen Tag-, Nacht-, Wechselschicht,
ausgepumpten Gestalten
mit verquollenen Bäuchen.
Immer hatte ich Angst,
wenn er mir
mit seinen schwieligen Händen
den Kopf waschen wollte.
Lebenstage gedrittelt, halbiert,
bezahlt und vergessen.
Mit einem Henkelmann
in übergroßer Tasche
am Lenkrad des Rollers
rutschte ich aus auf dem Aschenweg
zur Fabrik, der allgegenwärtigen.

Die Stechuhr
zählte Zuverlässigkeit und Stolz.
Mit dem Asphalt auf der Straße
mussten die Trauerweiden weichen
und ich hegte
mein Exil am Schreibtisch
ein Meter unter der Erde.
Nach seinem Schweiß schmeckten
die Bücher, die ich kaufte.
Er hatte keinen breiten Rücken,
war eher klein,
klemmte seine kaffeeschwarze Seele
im täglichen Gebet
an das Überleben gewohnt
in tausend Schraubstöcke ein.
Ich kaufte einen Eichensarg
von seinem Geld,
weil er Holz so liebte.

Dann dachte ich
am Rand zum erdigen Loch:
Hier wird sie begraben liegen,
meine Heimat.
Sag mir,
warum ich so traurig bin.

Drei Brücken

Drei Brücken führten in Ohle über den Fluss, nur eine davon war eine Hauptverkehrsstraße. Der Fabrikenweg führte bergab, steil abfallend auf eine von schmalen Stahlträgern gehaltene und mit Holzbohlen ausgelegte Brückenkonstruktion zu, die den Fußweg zur Arbeit in der ‚Knochenmühle‘ und zum Dorf um zwei Kilometer abkürzte. Die Brücke wurde von dem auch im Krieg von den Alliierten verschonten rüstungswichtigen Betrieb des Nazi-Deutschlands bis in die neunziger Jahre instand gehalten. Links von der steilsten Stelle aus, wo sich die Brücke (hätte ihr ein Eigenleben zugestanden) genauso gut für ein Wegende in dem Fluss, der Lenne, hätte entscheiden können, führte ein Trampelpfad am Abhang entlang auf eine Höhlenöffnung zu. Dort hatte man vor hunderten von Jahren Erz abgebaut, jetzt walzte man in der Fabrik im Tal Stahlbleche. Die alte, schmale, stets klapprige Brücke verband so Geschichte und Gegenwart, und von den dreien des Ortes war sie den meisten Menschen, die damals noch kein Auto besaßen, wertvollster Bestandteil ihres Alltags. Wenn wir Kinder die Brücke talwärts mit unseren Rollern oder Fahrrädern runterdonnerten und die unter uns klappernden Bohlen unseren Geschwindigkeitsrausch befeuerten, blieben wir nicht selten in der ersten Linkskurve auf dem sich anschließenden Ascheweg auf der Strecke. Wir hatten dann „abgehoben“, machten den „Flattermann“, in jedem Fall auf der schwarzen Asche, die später schmerzhaft aus der Wunde gewaschen wurde, keine gute Figur. Auch meines Vaters Henkelmann musste manches Mal in dieser Kurve dran glauben. Besonders tragisch geriet eine solche Bruchlandung dann, wenn die Fracht aus Eintopf bestand. Diese Erfahrung mit Brücke, Geschwindigkeit, Eintopf und Linkskurve auf einem Ascheweg der Arbeit hat meine Anschauung über politische Richtungen für spätere Zeiten doch irgendwie geprägt.