FEBRUAR 2014

FEBRUAR 2014

Auf Reisen

 

Wels/Oberösterreich. Ganz in der Nähe des Denkmals zur Abschaffung der Leibeigenschaft beziehen wir Quartier in einem Hotel. Ein gastliches, freundliches Städtchen mit historischen Winkeln.

Dr. K. und Gattin sind sehr bemüht, uns ihre Heimat nahezubringen. Ein Glücksfall und eine Seltenheit, dass berufliche Freundschaften grenzüberschreitend tragen. Für uns Deutsche in Europa allemal. Das macht Mut, den Kopf frei, auch wenn es mir nicht gut geht. Ich schreibe kleine Texte, will etwas festhalten von dieser Zeit, den Begegnungen, bin dankbar für diese Reise im milden Februar.

 

Im Fernseher: Winterolympiade.

Jetzt drucken sie wieder die Medaillenspiegel der Nationen. Auch in Österreich eine große Sache. Wer sein in der Welt. Immer ist es der Nationalismus und die Verblendung des Kollektivs mit Ideologien, die unglaubliche Leistungen einzelner zu Momentaufnahmen verkommen lassen, die den Blick auf den Wert, die Einzigartigkeit des Individuums verstellen. Wobei der Nationalismus in Österreich auch den Stachel eines Minderwertigkeitskomplexes trägt und vom Stolz und Eigensinn genährt wird. Das ist schade, denn das Land ist wunderschön und großartig – gerade auch dort, wo man sich für rückständig hält.

 

Entwürfe und Texte auf der Reise

 

Die allergrünste aller Hoffnungen blüht hinter den Büschen des dicht stehenden Schwarzdorns, und du kannst sie pflücken, wenn du barfuß über die Wiese gehst.

 

Zwischen den Flüssen wachsen die Regenbögen und im seichten, stehenden Gewässer die Küsse.

 

Wild wuchert das Grün über jede Mauer, die Anarchie des Lebens, das uns stirbt, ganz still und unbemerkt, ganz ohne Licht und weggesperrt.

 

Neues versuchen, kein Erstarren, doch ruhig bleiben, nichts überstürzen, nur wachsen und wuchern mit den Tagen, Jahresringe zulegen, genährt von starken Wurzeln und neue Triebe bilden, ganz ohne Erstaunen, einfach so, wie der Baum in meinem Garten.

 

Kein Verweilen unter dem verwunschenen Mond,

einen Bogen um die Blumen schlagen,

die schon lang besungen werden,

und dann steht da dieses Bett aus roten Rosen…

Auch wenn du alles über Rosen weißt,

bleibt es ein blutroter Rausch

jenseits jeder Vernunft.

Man weiß doch nie,

was dann stimmt oder was erfunden ist.

Und jeder neue Gesang ist

wie die Erfindung des Lebens,

das uns doch längst geschenkt wurde.

 

Wenn der Wald schweigt, hört man Dinge wie aus weiter Ferne und man blickt weit in die Landschaft seines Lebens nach vorn und sichernd zurück. Der See vor dir liegt sehr dunkel und unergründlich. Sein Wellenflüstern bekommt Gewicht und birgt die Geheimnisse von tausend Jahren vor den Ufern. Dort lauert der Fuchs, der dir die fetten Hennen von den Lippen stiehlt. Du strauchelst müde geworden auf dem Rückweg, wo die dürren Gerippe der abgestellten Fichten am Wegrand sterbend das Neue Jahr begrüßen…

 

Tief jagen die Wolken über den Wald und der Sturm peitscht die Regenschauer wie Gespenster zwischen den Stämmen hindurch.

 

Keine Wehmut, weg von der zeugungsunfähigen Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit, die Sieben-Meilen-Stiefel, mit denen die Hügel der Zukunft erstürmt werden sollten, nutzlos in die Ecke verbannt, ist alles Rosarot der Hoffnung denn nichts anderes, als eine in die Zukunft projizierte Vergangenheit, eine Träumerei, die ins Verderben stößt, sobald man erwacht?

 

Die Möglichkeit der Sprache kennt keine Himmelsrichtungen und nur wenige Brücken wachsen den Lauten, die die Lippen formen und den Ohren, die Geräusche und Gesänge durchforsten, um so Bedeutungen erlangen. Ein offenes Spiel, ein Rausch des Selbstvergessens, ein Abenteuer, das uns hier- und dorthin treibt, uns verletzt stranden lässt, uns über Meere zu neuen Ufern treibt, uns ankommen lässt, um sogleich wieder aufzubrechen, Kreise durchschreitet, überlebt, die uns auf ewige Suche nach dem Punkt schickt, wo Parallelen sich im Unendlichen kreuzen und in uns die Hoffnung nährt, alt genug zu werden, dies zu erleben. Wie viel Vollkommenheit liegt in der Zerbrechlichkeit einer angedeuteten Geste, der Zufälligkeit eines Blicks, in der Möglichkeit der Liebe, in diesem ewigen Suchen, Finden, sich verlieren. Und wie vieler Worte bedarf es, um irgendwo am Ort unserer Sehnsucht anzukommen…

 

Der Mann trägt unter dem weiten Mantel diese Pistole, und er isst halbrohes Fleisch, trinkt lauten Schnaps, der blind macht für die Gnade. Wie bittere Galle schmeckt man seine Nähe, kauert im düsteren Ort, um dem eigenen Herzschlag zu lauschen, stets in der Angst, das laute Hämmern konnte ihn hierher locken. Der Knall des Schusses hallt noch lange nach. Du trittst aus dem türelosen Schatten der Mauer. Warum ist dein blasses Gesicht so grün? Du siehst seinen Rücken, wie er mit langen Schritten von Ost nach West von Nord nach Süd und immer weiter hinauf eilt, dorthin wo die Luft ganz dünn wird und die Wege rar und nur noch Felsen sind. Nur wenige von denen, die sich größer machten, als die Wahrheit, finden sich noch am Wegesrand. Es ist vorbei – für den Moment jedenfalls.

 

Die alten Geschichten

Es gibt Geschichten über diesen Wald. An verwunschenen Tagen werden sie erzählt von der Mutter der Tochter, vom Vater dem Sohn. Niemand weiß, ob sie erfunden sind. Doch wenn der Wald dunkel schweigt, hören Tochter und Sohn die Glocken in der Einsamkeit ihres kalten Zweifels, und wenn sie sich auch bei den Händen fassen und sich alle alles noch einmal erzählen, weiß keiner von ihnen, ob die Wege, die verbotenen, die geheimnisvoll verschlungenen, noch stimmen und wohin es führt, das ewige Irren und Rennen. In der Nacht bekommt der Wald den Geruch von geronnenem Blut und wolfskalt sitzt das Leben ihnen im Genick. Nach Tagen taumeln sie aus der Lichtung, die ihnen wie die Rettung erschien, in ihr altes Leben, wo der Schatz der Worte aus den alten Geschichten unauffindbar bleibt. Ihr Erschrecken über die Erinnerung an Laute der Geborgenheit, mit denen sie nichts mehr anzufangen wissen.

 

Die Füße werden nicht müde, das braune Laub zu streifen und die Hand fährt über den traurigen Bart der Koniferen, weich legt sich das Moos auf deine Wangen und deine Augen weiden sich am Grün der Farne. Gleißende Sonnenstrahlen zimmern eine Himmelsleiter dir in die Brust und deine Tränen beim Blick ins Tal sind wie das Rauschen des Regens. Sie tragen die Farben des Regenbogens und wollen um ihrer Schönheit willen nicht versiegen.

 

Was wächst aus dem Gesang der Amsel von der Spitze des Daches, was sprießt aus dem Gezänk des Sperlings, was grünt aus dem Warnschrei des Eichelhähers, dem Unken des Kuckucks und dem Tschilpen der Spatzenbande… Liegend im Garten beginnst du ihnen zu antworten, gehst mit ihrem Werben abends zu Bett und deckst dich zu mit ihrer Sonne, der sie gefiederte Wesen so viel näher sind und deshalb weiser als du Findling, gefesselt auf der Erde.