Dezember 2014

Dezember 2014

Schreibwerkstatt, Befindlichkeiten

 

Von der Freiheit der Autoren

Endlich, am 7. September 1788 traf der vor allem wegen seines „Räuber“-Dramas berühmt berüchtigte Friedrich Schiller auf Goethe. Bei dieser sicherlich weniger glücklichen Begegnung der beiden Heroen deutscher Literatur prallten nicht nur ein jugendlicher Stürmer und Dränger auf den älteren Klassiker, sondern gleichsam ein Autor, dem die Freiheit seiner Schrift und Arbeit alles bedeutete, auf den wohl besoldeten und hoch beschäftigten Hofrat, Minister und leitenden klassischen Hofdichter von Weimar. Die Verständigung zwischen dem schwer erträglich schwäbelnden Schiller und dem Hessisch babbelden Goethe auf thüringischem Boden erwies sich nicht nur wegen der Dialekte schwierig. Nein, dem sich in der Enge der höfischen Verhältnisse schwer schuftenden Burnout-Kandidaten, Geheimrat von Goethe, erschien die Vorstellung des wesentlich jüngeren Schiller, ohne gesellschaftliche Rücksichtnahmen und Reputation, frei von jeglichen beruflichen Zwängen, sich dem Genie hingeben und Literaturgeschichte schreiben zu wollen, wahrscheinlich nur größenwahnsinnig. Sollte sich der Jüngere erst einmal beweisen in einem ordentlichen Beruf, sollte er zeigen, was er wert war, wenn er in die Pflicht genommen würde. Die Freiheit eines Autors musste verdient sein! Falls nötig: in Demut und mit krummem Rücken, ein Leben lang! Der Freiheitskandidat Schiller wurde so an die Universität zu Jena weggelobt, um dort als Professor Geschichte zu lehren.

Die Sache mit der Freiheit der Autoren gestaltete sich schon immer ein wenig schwierig. Auch wenn hier und heute verfassungsrechtlich Meinungs- und Kunstfreiheit garantiert werden, jeder Autor damit im eigentlichen Sinn als frei gelten darf, bleibt die Frage erlaubt, wann ist ein Schreiberling ein freier Autor? Und: Wenn er als solcher öffentlich bezeichnet wird oder selbst seine Freiheit wie einen Adelstitel bei der Berufsbezeichnung führt, ist er ein edlerer Wortverfechter, Literaturschaffender als jene, die noch irgendwo in Lohn und Brot stehen? Hat sein Wort mehr Gewicht? Oder geht es allein um sein wirtschaftliches Gewicht? Wie viel müssen seine Bücher einbringen, damit er die Bezeichnung „frei“ verdient?

Oder reicht seine persönliche wirtschaftliche Unabhängigkeit? Dieser Ansatz würde zumindest den erheblichen Anteil der vom Unterhalt lebenden oder in Ehren ergrauten und verrenteten und in ähnlich komfortablen Verhältnissen lebenden „freien Autoren“ erklären, die kaum ein Leser kennt.

Oder geht es schlicht um das Bemühen, nur von der Schreibarbeit zu leben und sich jeder anderen Arbeit zu verweigern? Auch um den Preis, auf Kosten der Gesellschaft sein Dasein zu fristen. Allein der Umstand, dass es Gewerkschaftsorganisationen und Interessenvertretungen für Autoren und Schriftsteller gibt, die das Wort „frei“ in ihrem Namen führen, spricht dafür, dass diese „freien“ Menschen mit dieser Profession jenseits einer Selbstdefinition existieren müssen.

Bemüht man das Informationsangebot der Lexika, lernt man, dass „Autor“ nur die Urheberbezeichnung für Texte beschreibt und dass Autoren je nach der Anzahl ihrer veröffentlichten Bücher, der Höhe der jeweils verkauften Auflagen und der etwaig kritischen Aufnahme durch die Rezensenten zum „Schriftsteller“ avancieren. Unterstrichen wird dies auch noch durch das Bestreben, seinen Lebensunterhalt überwiegend oder ausschließlich durch Buchveröffentlichungen zu bestreiten. Die seltener vorkommende Selbstbezeichnung „Freier Schriftsteller“ dürfte damit die Krone der Zunft darstellen.

Empirisch konstatiert Wickipedia hierzu: „(…) obgleich, von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen, auch sie nur selten allein von den aus Buchveröffentlichungen erwirtschafteten Tantiemen leben können, sondern sich und ihre weitere Arbeit an den Manuskripten durch Lesungen, Vorträge, Anträge für Stipendien und andere Arbeiten finanzieren müssen.“ Wirtschaftlich betrachtet für die meisten ein Ehrentitel mit mehr Schein als Sein, ein Appell an Verleger ernst genommen zu werden, an Veranstalter, anständige Honorare aufzutreiben, da man von der Schriftstellerei in freiberuflicher Tätigkeit leben will.

Besonders verwegen jene Kollegen, die sich auf ihre Freiheit berufen, weil sie als Autor nicht an einen Verlag gebunden seien. Nüchtern notiert Wickipedia hierzu: „Angesichts des Gefälles zwischen dem hohen Anspruch und der Lebenswirklichkeit dürften sich nach der engsten Definition in Deutschland bestenfalls hundert von mehreren tausend in Schriftstellerverbänden organisierten Autoren als Schriftsteller bezeichnen.“ … und selbst bei diesen dürfte großzügig geschätzt nur die Hälfte nicht abhängig vom Wohl und Wehe einer Verlagsbindung sein.

Wie frei sind Schriftsteller wirklich, wenn sie von 10-12 % des Bucherlöses leben sollen und die verkauften Auflagen kaum 3000 Exemplare erreichen? Wenn sie auch diese schmale Gewinnmarge noch mit Agenten teilen müssen, ohne die Verlage für sie nicht mehr erreichbar sind? Realistisch betrachtet, verbleiben ihnen 5 – 7% des Bucherlöses. Will heißen: Von 20 € für eine gebundene Ausgabe maximal 1,40 € bei Gesamtauflagen, die im Schnitt 2.000 bis 3.000 verkaufte Exemplare bei größeren Verlagen erreichen und bei Kleinverlagen um die 1.000 bis 1500 Exemplaren liegen.

Welchen Stellenwert hat ihre wirtschaftliche Freiheit, wenn die Vergütung der zu niedrig bezahlten Putzkolonnen in den Verlagshäusern höher liegt als die der Urheber der Produkte, die diese Häuser finanzieren? Und weiter noch: „Die Vorstellung, dass Kunst was wert ist, die ist weg.“ So die Aussage von Bolko Rachow, einem Richter für Urheberrecht am Landgericht Hamburg in einer Urheberrechtsdebatte (FAZ, 7. Mai 2012, Seite 25). Bücher, ganze Werke werden kostenlos aus dem Internet geladen oder kursieren im Netz. Der gute alte Raubdruck hat eine neue Dimension. Längst ist nicht mehr zu kontrollieren, wer was wofür nutzt. Warum also das Buch kaufen? Und wie neue Erlösmodelle aussehen mögen, die Autoren weiter arm rechnen werden und wie es dann um die wirtschaftliche Freiheit der Schriftsteller bestellt sein könnte, kann man allenfalls jene fragen, die das Urheberrecht zur Disposition von Geschäftsmodellen weltweiter Konzerne stellen. Aber deren Interessen liegen woanders.

Für zahlreiche Verleger gibt es nichts Störendes als der Umgang mit Autoren, die sich dann auch noch für „freie Schriftsteller“ halten. Was zählt, sind einzig die Verkäuflichkeit des Produkts und die gesicherten Regalmeter für die Bücher der Saison in den Großbuchhandlungen und Buchhandelsketten. Produktplacement, Marketing und Etatfragen, da unterscheidet sich die Literatur, „Freiheit schöner Götterfunken!“, im Ergebnis in nichts vom Verkauf von Autos, Versicherungen oder Würstchen. Nicht die Einzigartigkeit und Originalität sind gefragt, sondern Produkte, die Trends bedienen und in Verkaufsschubladen passen.

Da trifft ein hoffnungsfroher Autor, von der Bedeutung seines Werks überzeugt und vollgesaugt mit Literatur undWissen, auf das kühle Kalkül der Macher, Schöngeister zwar, aber die Köpfe voller Zahlen und Telefonnummern. Da redet der eine von Stil, Spannungsbogen und Idealen, während der andere darüber nachdenkt, wie er das Buch des amerikanischen Kollegen finanziert, der letzten Monat eine für den Klappendeckel so verkaufswirksame Besprechung der New York Books Review hatte („Der urbane Roman des Jahrhunderts! Mitreissend, sprachlich brilliant, schonungslos!“). Vielleicht doch noch einen prüfenden Blick, ob dieser Autor wenigstens fotogen der Presse vorzuführen ist, verfügt er über Stammbaum (skandalträchtige Vorfahren?), eine Residenz für die Buchpräsentation oder wenigstens über gewichtige Fürsprecher und Netzwerke? ‚Der große Wurf‘ - nur (wer sagt das?), genial, ein freier Schriftsteller? Gott bewahre! Und schon entstehen Situationen, eines Schillers und Goethes durchaus würdig.

Wie viel bleibt da von der Freiheit eines Schriftstellers auf der Visitenkarte, wenn er sich als Jugendbuchautor eines zeitgemäß, spannenden Romans mit der Frage konfrontiert sehen muss, wo in dem Manuskript die Vampire vorkommen; wenn er für einen gesellschaftskritisch historischen Roman nur die Frage erntet, ob er nicht auch einmal einen Krimi oder ein Kochbuch schreiben wolle; und wenn er den großen Gesellschaftsroman vorlegt und sich der Aufgabe gegenübersieht, dem Verleger, der das Manuskript nicht gelesen hat, 150 Seiten aus dem Werk zu streichen, der Kalkulation wegen.

Wenn die Freiheit schon nicht in der wirtschaftlichen Freiheit und nicht in der gesellschaftlichen Stellung zu finden ist, lässt sie sich vielleicht aus der Tätigkeit, aus dem Inhalt des Schriftstellerdaseins schöpfen? Vielleicht lässt sich das, was ein Schriftsteller Tag für Tag macht, nicht mit dem Wort „Arbeit“ umschreiben. Arbeiten, das ist ein viel zu hochtrabendes, viel zu ernstes Wort. Arbeiter arbeiten. Redenschreiber, Auftragsschreiber arbeiten gegen ein Honorar. Sie bringen eine Dienstleistung, der Schriftsteller schafft ein Werk.

Doch das klingt schon zu hochmütig, vielleicht gibt es überhaupt kein Wort, das demütig genug ist, um noch adäquat zu beschreiben, was ein Durchschnittsschriftsteller macht und wie er das macht. Gewissenhaftigkeit, im Umgang mit der Sprache und den Worten reicht eben nicht, die reicht absolut nicht! Ein Schriftsteller ist kein Drückeberger vor einem Achtstundentag, er ist nicht faul. Der freie Schriftsteller ist sogar frenetisch energiegeladen, anfallsweise. Aber er ist frei, sehr frei sogar, von dem, was man den Fluch der Kontinuität nennen könnte. Der freie Schöpfende bringt seine Sache zu Ende; für den echten Arbeiter hingegen kann die Arbeit niemals beendet sein, sondern er bricht sie einfach ab, erhält seine Lebenszeit entlohnt. Die echten Arbeiter sterben alle in den beklemmenden Gefühl, versagt zu haben; so viel zu tun, und so viel, das ungetan bleibt. Die Freiheit des Schriftstellers besteht darin, einen Schlusspunkt zu setzen unter sein Werk. Eine Freiheit, die nicht mit Zeit bemessen wird und nicht zu entlohnen ist.

Wirklich frei ist der Schriftsteller nur auf dem Papier. Eine Freiheit, um die er täglich neu ringen muss, die ihm kein Literaturpreis und Verlagsscheck beschert. Eine Freiheit, die ihm die Möglichkeit der Selbsterfindung bietet, ein Traumleben zu leben, die ihn Dinge sehen lässt, ihn Sachen wissen lässt, die andere nicht sehen und wissen. Ein Wissen darum, dass es ein anderes Leben gibt jenseits der Kontinuität. Das macht ihn besonders, unwiderstehlich, manchmal sogar unverwundbar.

Fernab vom Getöse der Gegenwart, folgt er mit Angst und Staunen einem Klang, den nur wenige hören. Er ist frei, die Welt anders zu sehen und zu beschreiben als sie ist und vielleicht jemals sein wird. Eine Freiheit, vergänglich, ein kurzer Rausch nur, nicht wert, auf eine Visitenkarte gedruckt zu werden, und dennoch ein Geschenk an das Leben, das ich schreibend nicht missen möchte. In diesem Sinne kann – Goethe hin, Schiller her – auch ein Schriftsteller im Nebenberuf wahrhaft frei sein. Jedenfalls ist er befreit davon, verhungern oder betteln gehen zu müssen.

Andererseits gilt es zu betonen, dass der Rest Würde und Freiheit einem Schriftsteller nur durch seine Leser geschenkt wird, die seine Bücher kaufen, lesen, verschenken, ihn weiterempfehlen. Über den Grad einer freien Literatur entscheidet jeder einzelne Leser. Also gerade auch jeder von Ihnen, meine Damen und Herren.