DEZEMBER 2013

Dezember 2013

Aufrecht gehen, Wi(e)derstehen

Texte aus der Schreibwerkstatt zu Büchner - oder: Wo historische Romane einen Gegenwartsbezug haben. Bevor das, was heute in den Schlagzeilen steht, morgen schon wieder vergessen ist, während wir alle nahezu unbemerkt und unentschuldigt, die Zeche zahlen und die Ursachen nicht abgestellt haben werden. Eine Art Zwischenruf privater Natur nach dem aufwühlenden Zeitungsstudium:

Büchner und die Finanzkrise

 

Der Sturm der Revolution war von Frankreich aus über Europa gezogen. In ihrem Gefolge hinterließ Napoleon ein millionenfaches Gräberfeld, das bis nach Russland und Ägypten reichte. Als wären die Stürme, die Orkane, nur ein vorläufiges Tief gewesen, das gewiss bald von einem Hoch abgelöst würde, richtete man sich kurzsichtig an Leib und Seele, naiv und egoistisch wieder behaglich in den engen Grenzen der Kleinstaaterei von Fürstentümern ein.

Die einen entdeckten im Mangel an Vielem eine Chance, und es erstarkte in den Städten eine reiche Kaufmannsgilde und eine selbstbewusste Bürgerschaft. Spekulanten steckten ihr Territorium in Goldgräberstimmung ab und gaben sich entschlossen, künftig an jedem Krieg und jeder Krise zu verdienen. Die anderen, die Herrschenden, holten mit ihren Adelstiteln von Gottes Gnaden auch ihr Silberbesteck aus dem Keller, entstaubten ihre Thronsessel, um es sich auf den Inseln der Glücksseligen bequem zu machen. War da etwas geschehen? Dort, wo der Mangel herrschte, pressten sie, ohne weiter nach den Bedingungen Vorort zu fragen, mit Abgaben und Steuern das Volk. Das Einzige, was sie aus dem Sturm gelernt zu haben schienen, war ihre gestärkte Entschlossenheit zur Gewalt und Folter. Mit Angst und Schrecken meinten sie, jedes wendige Lüftchen um die Grenzen ihres Herrschaftsbereichs umlenken zu können.

Das Volk hungerte und darbte, nicht nur die Weber in Lyon, denen Heine ein Denkmal setzte, sondern auch in Hessen und dort vor allem in den strukturschwachen Regionen wie Vogelsberg und der Wetterau. Doch die Krise, die Armut, der Niedergang der Massen waren auch in den Städten allgegenwärtig. Man musste nur hinschauen. Das Wasser stand Hessen-Darmstadt bis zum Hals. Strukturelle Probleme, Wirtschaftsprotektionismus, enge Grenzen, hohe Zölle, kaum wirtschaftlicher industrieller Fortschritt, der anderswo in Großbritannien stattfand, zu hohe Stückkosten für handgefertigte Waren und das Ganze bei ausufernden Staatsfinanzen und einer desaströsen Schuldenpolitik. Es liegt nahe, bei der Beschreibung der Krise auch auf den Zustand Europas in der Finanzkrise heute zu schauen.

Das System in dieser Krise erstarrte konzeptlos, korrupt, wollte mit aller Macht weitermachen wie bisher. Die intellektuelle Elite des Landes, der Nachwuchs, kopflos wie die Väter, formulierte zu Büchners Zeiten zwar Verfassungs- und Freiheitsrechte, präsentierte in Hambach und anderswo eindrucksvoll ihre Forderungen, ersäufte jedoch in der Eitelkeit und Arroganz der bierseligen Burschenschaften jeden Ansatz zum Besseren, statt sich mit dem Handwerk und dem Volk zu verbrüdern und zu solidarisieren. Sie wurden so leichte Beute für das herrschende System. Wurden mit Amt und Würden eingekauft oder, so sie sich als erkennbar Unbelehrbare erwiesen, separiert und durch die Mühlen des Spitzel- und Foltersystems gedreht. Falls diese Wenigen das überlebten, spie die Gesellschaft sie als unehrenhaft, als Aussatz aus, und sie fanden sich auf dem Weg nach Amerika oder zu fernen Kolonien und Kontinenten. Erstaunliche Lebensläufe entstanden da, und nicht selten gingen von diesen Menschen Ideen und neue Entwicklungen aus, Chancen, die in der Heimat verspielt und verschenkt wurden, indem man auf diese Elite verzichtete.

Die Armen, die Masse, das Volk hungerte in der Krise, verreckte ohne ärztlichen Beistand, zappelte an der Kette der Knechtschaft, die von der Institution Kirche als Gott gegeben abgesegnet wurde. Sie hatten binnen weniger Jahrzehnte Systeme und Herrscher kommen und gehen sehen, Köpfe rollen sehen, sie hatten nicht das Verlangen nach einer Revolution, nach Blut und Gewalt. Sie wollten ein ehrenvolles, gottgefälliges Leben führen und sehnten ein Ende herbei, egal welches. Die Menschen hatten nichts zu verlieren, außer ihr Seelenheil, aber sie hatten Angst, panische Angst bis zur Selbstzerfleischung. Die Krise griff (so gesehen heute wie damals) tiefer als Geld, tiefer als jede politische Idee von Links oder Rechts. Sie erfasste Körper und Seele des Landes als Ganzes.

Hessen-Darmstadt hungerte nicht nur, eine Gesellschaft in diesem Zustand erstarrte zu einer kulturellen und spirituellen Wüste. Ihre Köpfe waren weder kreativ noch rezeptiv, sie konsumierten, schluckten herunter und verdauten. Die Gleichgültigkeit, der mangelnde Elan und der Zynismus bis zur Gewalttätigkeit begrenzten die Blicke wie die Gedanken auf die eigene Existenz. Nichts wies über den eigenen Grabesrand in die Zukunft hinein. Depression, Apathie und Vergnügungssucht reichten sich geistlos die Hände und begannen einen Totentanz, der ein ganzes Land an den Abgrund zu reißen drohte.

In dieser Situation begleite ich Büchner in seinem 18. bis 24. Lebensjahr, ein blutjunger Mann, der hinschaut, dem unendlich viel daran liegt, zahlen- und faktengenau die Ursachen zu benennen, das System und die Personen, die es repräsentieren, anzugreifen, der die Krise auch als Chance begreift, um die Menschen und ihre Gesellschaft sich in einer anderen Art und Weise vorzustellen. Er will Teil der ganzen Gesellschaft und nicht nur einer Elite sein. Er öffnet so politisch wie kulturell, menschlich wie wissenschaftlich-analytisch neue Horizonte. Und er riskiert persönlich unendlich viel dabei. Dass er am Ende flieht und nicht persönlich für seine Überzeugung einsteht, verzeihen ihm viele nicht, er sich selbst allerdings am wenigsten. Er leidet daran und quält sich bis in seinen frühen Tod.

Vieles an der damaligen gesellschaftlichen Krise ist sehr aktuell und vergleichbar. Man braucht nur einen Blick auf unseren Umgang mit unserem Verständnis von Freiheit und Menschenrechten zu werfen, auf die grundlegenden Werte und auf unseren Alltag, wo wir mit ihnen wir so selbstverständlich, locker und liberal umgehen, so dass uns droht, das Gefühl endgültig dafür zu verlieren, was es bedeutet, frei zu sein, unsere Rechte überall, auch dem Staat gegenüber, einfordern zu können. Freiheit und Menschenrechte sind für uns so selbstverständlich geworden wie das Atmen. Wir leben sie aus, bis an die Grenzen des Erträglichen manchmal. Wir provozieren aus purer Lust, ohne dabei ein Ziel zu verfolgen, testen die Grenzen der Toleranz aus, halten pornographische Nabelschau. Wir verstehen das als Freiheit.

Doch wer frei ist, muss sich selbst um Grenzen bemühen, muss seine Schritte und Handlungen wägen, braucht Moral und Verantwortungsbewusstsein, eigene Werte, aus denen er seine Freiheit speist. Wir handeln mit unserer Freiheit nicht selten wie mit einer billigen Ware. Werden so zu Sklaven unserer eigenen Freiheit. Regeln, die wir formulieren, sollen zumeist für alle anderen gelten. Wir lassen uns nicht behindern. Wir können es uns leisten.

Populisten befördern diese Stimmung und jede Coleur verdient gut daran. Wir entfernen uns voneinander, Grundstücksgrenzen wie Burgbefestigungen. Wir entsolidarisieren uns, sprechen nicht des anderen Sprache und laufen in ein gesellschaftliches Vakuum. Jeder, der verspricht, die „guten alten Zeiten“ zurückzuholen, jeder, „der die Schuldigen schon kennt“ und in einer leicht zu misshandeln Minderheit ausmacht, wird als König und Prophet gefeiert. Schnelle und einfache Antworten sind gefragt. Wenn es um Europa geht, das Große und Ganze, gilt das allemal.

Die Krise macht all dies sichtbar. Damals wie heute. Sie ist zum großen Teil selbst verschuldet. Wir verfügen über die Werte, die Erfahrungen und die Freiheit, vernünftig, selbstlos und zukunftsorientiert und mit ihr umzugehen, sie solidarisch zu bewältigen. Menschen wie Büchner haben uns als Vordenker die Wege dafür geebnet. Aber wir sind dabei, die geistigen Wurzeln selbstsüchtig unseren eigenen Interessen zu opfern. Wir sind dabei, es zu vermasseln. Wir laufen Gefahr, die Würde des Menschen an seinem Verdienst zu bemessen, die Freiheit mit den Finanzsystemen gleichzusetzen, nur weil Konsum ein schöner Zeitvertreib ist, uns eine Alliteration so flott über die Lippen geht: Freiheit und Finanzsysteme - wie das schon klingt - so als hätten beide zusammen in der Wiege gelegen.

Berthold Brecht hat einmal die Antwort auf die Frage, warum es sich lohnt, sich mit der Vergangenheit und seinen kulturellen und geburtsgesellschaftlichen Wurzeln zu beschäftigen, sehr treffend formuliert; er sagte sinngemäß: Wer einen großen Sprung wagen will, sollte einige Schritte zurückgehen, um Anlauf zu nehmen. Natürlich ist unsere Generation ebenso kindlich wie die unserer Altvorderen, und sie besteht darauf, mit eigenen Erfahrungen dieselben und neue Fehler zu machen und in den selbstverschuldeten Katastrophen das Schwimmen zu lernen. Deshalb werden wir trotz eines beachtlichen Angebots an Fußstapfen verschiedener Größen, denen wir folgen könnten, nicht darauf verzichten wollen, uns zu verirren, um in rabenschwarzer Dunkelheit kess die Lippen zu kräuseln und vorsichtig ein Liedchen zu pfeifen, um die Angst zu vertreiben.

Nein, wir sind nicht besser, und wir bestehen darauf, in der Finanzkrise in Griechenland, Italien, Spanien und Portugal die Schuldigen gefunden zu haben. Wir sehen in den dunklen Wolken am Horizont der Wirtschaft das Versagen der Banken, der politisch Verantwortlichen, und wir wissen, wer zu sparen und zu wirtschaften hat, um anständig leben zu dürfen. Bevor wir Forderungen formulieren und Ratschläge erteilen, sollten wir vielleicht tatsächlich ein paar Schritte zurückgehen und zumindest erkennen, dass wir schon immer von den strukturellen Wirtschaftsprobleme in den mediterranen Regionen gewusst haben, dass wir es uns geleistet haben, großzügig wegzuschauen, solange wir Aufträge genug für Exporte bekamen und uns nie wirklich die Frage nach einem versteckten Defizit gestellt haben. Im Gegenteil: Mit einem Lächeln und zahlreichen Urlaubserinnerungen haben wir vom ‚dolce far niente‘ geträumt und unsere Pflichtbesessenheit und Regelungsdichte hierzulande lächerlich und klein gemacht, statt unserer Pflicht nachzukommen, nachzurechnen und Fragen zu stellen. Nein, wir waren nie solidarisch. Freundlich vielleicht, wenn wir uns auf europäischer Bühne begegnet sind, diplomatisch vornehm, wenn es dennoch unangenehm zu werden drohte, aber nie aufrichtig. Das griechische Volk hat uns nie interessiert und mit dem italienischen hatten wir mit viel Glück den guten Geschmack für Rotwein und die Fußballbegeisterung gemein.

Wären wir heute wie Büchner, würden wir die Zahlen und Fakten finden, die belegten, wie gut wir all die Jahre verdient haben, in Zeiten, in denen sich die Defizite in diesen Ländern schlicht zur Krise für das Volk auswuchsen, in denen Misswirtschaft und Korruption, Unfähigkeit und Größenwahn der Verantwortlichen die Bürger in jene aussichtslosen Lage brachten, in der sie sich heute befinden. Büchner würde Ross und Reiter nennen, um uns zu zeigen, wie wenig wir Europäer und wie sehr wir national gesinnt als Deutsche, Franzosen, Engländer, unter dem Mantel der staatlichen Souveränität und Selbstverantwortung selbst verantwortungslos und gierig unsere Taschen vollstopften. Büchner würde die Beispiele von dreister Misswirtschaft und Verschwendungssucht benennen, und uns, die wir denken und lesen gelernt haben, würde danach unsere eigene Konsumgeilheit nicht mehr schmecken, angesichts der wachsenden Kinderarmut, Altersarmut, der Lehrer, dem Vakuum mit unserer Mitte, der immer spürbar werdenden Gewaltbereitschaft jener, die Vermögens - und herrenlos an den Rändern unserer Gesellschaft vegetieren und all den bedrohlicher werdenden Fehlentwicklungen, die längst mehr als der Ausdruck einer Finanzkrise und einem Zahlenjonglieren an den Börsen ist.

Wir müssen lernen, aufrichtig zu sein, auch wenn es für uns unbequem wird. Wir müssen bei uns anfangen. Wir müssen zu Sinnsuchern werden und dürfen nicht zu hohlen Gefäßen und krimisüchtigen Konsumenten verkümmern. Wer stumpf durch seine abgezählten Tage tapert und sich nie die Frage nach dem Sinn und Zweck seiner eigenen Existenz stellt, ist nicht mehr als ein Parasit, ein Schmarotzer.

Büchner findet nur Spott und beißenden Sarkasmus für die herrschenden Verhältnisse, über die er sich weidlich in 'Leonce und Lena' auslässt. Hunger und Not, Gewalt und Unterdrückung sind für ihn Ausdruck einer tiefen Sinnkrise, die jene, die wie Menschen wirken, wie 'Lenz' verrückt erscheinen lassen, oder sie lügen, morden und stehlen lässt, damit sie Generation um Generation auf dem Schafott enden, wo selbst die Liebe weder Trost noch Rettung zu bieten hat ('Dantons Tod'). Büchner beschreibt das Vakuum der Welt, das die Abhängigen rechtlos und zum Mörder und die Mächtigen zu Schurken macht, die ungestraft nach eigenen Regeln ihr Verlangen stillen, als gäbe es kein Morgen, in dem auch ihre Kinder und Kindeskinder eine bessere Welt vorfinden sollten ('Woyzeck'). Büchner ist 18 und träumt schon den Traum von Menschenrechten für jedermann; er wird 24 und würde vor Verzweiflung am liebsten der Meinungsfreiheit abschwören, um seine Freunde und Gesinnungsgenossen aus dem Zugriff der Folterknechte zu befreien. Er, ein junger Wissenschaftler, Bürgerlicher durch und durch, wird als verhinderter Revolutionär einer der Vordenker jener Menschenrechte und Freiheitsrechte, die in der Weimarer Verfassung knapp 100 Jahre später den Grundstein für unser Erleben von Freiheit gelegt haben.

Schauen wir hin, nehmen wir ruhig ein paar Meter mehr Anlauf, verfehlen nicht das Sprungbrett und geben uns verdammt noch mal Mühe. Wo ist unsere Mitte, wo wollen wir hin? Wer sind wir in der Welt? Ein stammtischgröhlender Fliegenschiss mit selbstgerechter nationaler Gesinnung? Geldgeile sinnentleerte Finanzjongleure? Oder sind wir Europäer, Weltenbürger mit Verantwortung und Moral. Die Freiheit wird niemandem geschenkt, zu keiner Zeit. Sie ist nicht billig zu haben. Doch in jeder Generation, in der sie zur Disposition gestellt wurde, wuchsen die Gräberfelder. Also: Lassen wir uns nicht verbiegen in einer krummen Zeit, nicht verkaufen in dieser Beutezeit, lassen wir doch nur die anderen lügen, dann sind wir mit Büchner schon zu zweit.