August 2015

AUGUST 2015

 

Möglichkeiten / Befindlichkeiten / Wegkreuzungen

Kopfzerbrechen

- eine Kurzgeschichte -

-1-

Es kam vor, dass Lochmann morgens mit seinem Wagen im Stau stand, auf der Digitaluhr die Zeit verstreichen sah, die er abends nacharbeiten müsste und sich halblaut zu den Katastrophenmeldungen aus dem Radio ein Datum vorsagte, wie etwa ‚1. August‘ oder ‚10. Dezember‘, und er überlegte dann angestrengt, was er an diesem Tag Besonderes gemacht hatte. Er konnte nachdenken, solange er wollte, und es fiel ihm nichts Besonderes mehr ein, manchmal noch nicht einmal mehr die alltäglichen Dinge. Schließlich gelang es Lochmann sogar nicht mehr, sich daran zu erinnern, was er in der letzten Nacht geträumt hatte. Er stierte auf die Nummernschilder der vor ihm fahrenden Wagen und sagte sich einfache Dinge vor, wie etwa: „Schuhe putzen“, „Spazierengehen“ oder „Rasieren“, bis er merkte, dass jede seiner Beschäftigungen tagtäglich austauschbar war, dass das Jahr verstrich, ohne dass er wusste, was er getan hatte oder tun würde. Doch Lochmann kannte ganze Akteninhalte auswendig, war ein Fachmann, aber er wusste – so gestand er sich selbst resigniert ein – eigentlich immer weniger. Die Straße, in der er lebte, die Wohnung, die er gekauft hatte und für die er noch bezahlte, sein Wagen, den er fuhr, waren austauschbar. Doch Lochmann war schon oft woanders gewesen; es gab Leute, die behaupteten, Lochmann sei herumgekommen. Aber er hatte festgestellt, dass die einzige Abwechslung darin bestand, dass er sich vor der Reise in eine neue Stadt fürchtete, später aber feststellte, dass die Stadt genauso war, wie die, aus der er gekommen war und genauso sein würde, wie die, in die man ihn für viel Geld schicken würde. Daran würde sich auch in nächster Zukunft nichts ändern.

Im Urlaub ließ sich Lochmann gern fotografieren. Er legte die Bilder neben die vom letzten Jahr, um festzustellen, ob er sich verändert habe. Er fand, dass sein Leben hart sei, aber niemand konnte ihm sagen, was er sonst noch hätte machen können. Lochmann hatte schon daran gedacht, zum Arzt zu gehen. Viele seiner Kollegen machten es genauso. Jedoch konnte er sich nicht vorstellen, dass es eine Medizin geben würde, die helfen könnte.

Ohne besonderen Anlass und ohne dass er einen konkreten Entschluss gefasst hätte, stieg Lochmann an einem Montagabend mitten im alltäglichen Verkehrsstau aus seinem Wagen. Eine Rückkehr verbot sich von selbst. Das erkannte er in der Art, wie er sich die Krawatte vom Hals riss und auf den Rücksitz schleuderte. Hinter ihm machten sich schon Leute an seinem Wagen zu schaffen. Ein ohrenbetäubendes Hupen verfolgte ihn und er begann zu laufen.

Nach Tagen beobachtete er, wie sich seine Kleidung verfärbte, das Jackett einen Grünton bekam, die Falten aus seiner Hose verschwanden und die Passanten seine Nähe mieden. Aber Lochmann begann sich zu erinnern. Langsam erst, aber stetig. Er wusste zwar kein Datum mehr, vermochte aber schon nach einigen Tagen fast minutiös zu sagen, was er gestern oder vorgestern erlebt hatte. Er beschloss, sich weiter zu erinnern, ging eine alte Landstraße entlang zu seinem Heimatdorf. Nach Tagen begann das Tal, das ihm aus Kindheitstagen vertraut war und er lief am Fluss entlang.

In den Städten traf er oft auf verwahrloste Kinder und zwielichtige Gestalten, die aus dunklen Nischen hervortraten und ihm bedrängten, bis sie feststellen mussten, dass er nichts hatte. An Fußballplätzen sah Kindern zu, die respektvoll Abstand zu ihm hielten. In den Bäumen entdeckte er Fischreiher, die er noch nie hier gesehen hatte. Sie strichen mit ihren mächtigen Schwingen über das Wasser und schienen sich an seiner Anwesenheit nicht zu stören. Gegen Abend fing er mit viel Glück zwei Fische. Hunger machte geschickt. Die Nacht verbrachte er in einer Scheune. Das nächste Dorf hieß Ohle. Am letzten Wehr, mit dem sie den Fluss aufstauten, setzte er sich hin und überlegte, wohin er gehen sollte.

Dann sah er ihnen zu, wie sie morgens zur Arbeit in die Fabriken liefen. In ihren Gesichtern spiegelten sich die Leere und der bezahlte Stumpfsinn. Lochmann wusste plötzlich, dass er nicht hierher gehörte, nicht unter ihre Räder geraten wollte. Doch wenn er weiterging, würde er durch gleiche Orte mit ähnlichen Fabriken kommen. Die Straße kannte kein Ziel. Dies wollte Lachmann nicht zu Ende denken.

 

-2-

Niemand wusste etwas von ihm zu sagen und jetzt war er gegangen. Ihre Blicke fragten: Wer war er? Oder manchmal sogar: Gab es ihn überhaupt? Sorgenvoll geworden, beschlossen die Bewohner von Ohle darüber zu reden. Zur Nacht trafen sie sich in der düsteren Klause und beugten ihre Köpfe über schaumige Krüge, die sie hier üblich waren.

Treschke betrat als Letzter den Raum. Er hatte zwei Kinder zu versorgen, denn seine Frau ging zur Nachtschicht. Geräuschvoll begann er zu trinken. Der Raum war von Schluckgeräuschen, Rülpsern und gedämpften Gesprächen angefüllt. Draußen schlug das Sommerwetter in nasskalten Nieselregen um. Der Kleine Onkel, so hieß der Wirt, zupfte sich an seinem Bart. Treschke trank und sagte nichts. Schmidt schob im einen Teller mit Brot zu, denn er wollte nicht, dass sich Treschke betrank, bevor er etwas gesagt hatte. Treschke griff sich zwei Scheiben des grauen Brotes, das sie hier ‚Siegerländer‘ nannten, und legte sie neben sich auf die Holzplatte des Tisches. Der kleine Onkel schob ihm ein Stück Käse dazu. Treschke wunderte sich nicht über diese kostenfreie Aufmerksamkeit und begann genüsslich zu kauen. Er lauschte den Gesprächen. Die Trinkenden unterhielten sich über das Aussehen und die merkwürdigen Gewohnheiten des Gastes. Dann sprachen sie Treschke an, er habe ihm doch in Hilfringhausen Gemüse zugeschoben, zu trinken gegeben und ihn in seiner Scheune schlafen lassen. Treschke nickte wortlos zu Bestätigung und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas. „Nun?“, fragte der Pfarrer.

„Er war sehr still“, sagte einer, „ich habe ihn nie in Gesellschaft gesehen. Wenn man ihn beim Angeln traf, kehrte er einem den Rücken zu und antwortete nicht.“

„Einmal ist er in die Bücherei gekommen“, meinte der Pfarrer, „und er hat den ganzen Tag gelesen. Er hat nach alten Büchern gesucht. Chroniken über den Ort. Auch ich habe ihm zu essen gegeben.“

„Mit dir hat er doch gesprochen“, brachte Schmidt ungeduldig hervor.

„Es ist wahr, er war anders als wir“, bekannte Treschke bedächtig. Es war still geworden, der Regen prasselte nun gegen die Scheibe und die Trinkenden rückten ihre Stühle näher an ihn heran, drängten ihn zu erzählen, wie er ihn kennengelernt habe. Schon mehrere Tage, berichtete Reschke, habe er ein merkwürdiges Verhalten der Fischreiher festgestellt und er sei unruhig geworden, ohne genau die Ursache seiner Unruhe zu kennen. Immer wieder habe er den Wald jenseits der Eisenbahn, die das Flussufer streifte, und das Ufer selbst beobachtet, in der Gewissheit, dass sich etwas verändert haben müsse. Schließlich habe er den Steilhang beim Schloss abgesucht, wo ihm ein Gegenstand bei den Erlen, ganz in der Nähe der Bäume, wo die Fischreihe nisteten, aufgefallen sei. Der Größe nach hätte es ein Tier sein können, der Farbe nach, ein mit Moos bewachsener Felsbrocken. Aber er sei sich sicher gewesen, dass dort nie ein Felsbrocken gelegen habe. Es habe zu regnen begonnen, doch das seltsame Tier oder der Gegenstand habe sich nicht bewegt. Er habe mindestens eine Stunde dort gestanden und Ausschau gehalten. Schließlich sei er völlig durchnässt nach Hause gegangen.

Treschke begann wieder zu trinken, hielt dem Wirt seinen leeren Krug hin und erst nach einer Weile begann er wieder zu erzählen. Auch am nächsten Tag habe er sich der Stelle genähert. Diesmal von der anderen Seite, wo der Aufstieg problemlos möglich gewesen sei. Das Tier oder der Gegenstand habe immer noch unbeweglich dort verharrt. Er habe seine Augen angestrengt, den Gegenstand mit allen ihm aus der Gegend bekannten Gegenständen verglichen und sich das Ganze nicht erklären können. Etwas habe ihn dann aber noch davon abgehalten, sich weiter zu nähern. Dann jedoch sei er ein Zeuge eines unglaublichen Vorgangs geworden. Er habe erlebt, wie die Fischreiher aufgeflogen seien, um dem Gegenstand kurze Zeit später Fische hinzuwerfen. Der Wind habe gedreht und er habe leise Worte oder Satzfetzen vernommen. Erst da sei er sicher gewesen, dass es sich um einen Menschen handeln müsse. Die Entdeckung habe ihn angespornt und er sei dem seltsamen Gast entgegen gegangen, der wirklich zum Fürchten ausgesehen habe. Der Gast, der dort oben regungslos für Tage ausgeharrt habe, hätte ihm nur langsam, schrittweise ins Tal folgen können.

In der Kneipe konnte man verwundertes Gemurmel vernehmen. Treschke nahm sich das Brot, schob sich den Rest des Käses zurecht und verschlang beides gierig. Auch sein viertes Glas ging den Weg alles Irdischen. Schmidt wurde ungeduldig: „Hast du ihn rein gebeten?“

Im Korridor habe sich der Fremde bücken müssen, da er für die Dachbalken des Fachwerkhauses zu groß gewesen sei. Er habe ihm ein Bad angeboten, weil der Fremde einen verwilderten Eindruck auf ihn gemacht hätte, obwohl in seinen Augen eine große innere Ruhe gelegen habe. Der Fremde habe immer noch nicht gesprochen, sei ihm aber ins Bad gefolgt. Seine Frau habe nach einiger Überzeugungsarbeit auch die Kleider gewaschen, doch die moosige Farbe sei nicht mehr rauszukriegen gewesen. In der Stube sei dem Fremden dann sofort ein Schreibsekretär am Fenster ins Auge gestochen. Seine Hand wäre prüfend über das Holz gefahren und dann habe der Fremde nur gefragt, ob er wiederkommen und sich hinsetzen dürfe. Treschke habe sich beeilt, wegen der moosigen Sachen sofort einen alten Stuhl zurechtzurücken. Der Fremde habe sich ein Bleistift und ein großes weißes Blatt genommen und aus dem Fenster auf dem Fluss gestarrt. Es sei alles in allem eine unheimliche Begegnung gewesen und seine Frau habe darauf bestanden, dass der Fremde der Scheune schliefe. Der Gast habe kein Aufhebens darum gemacht und sei mit allem zufrieden gewesen.

„Die Angel hat der von dir bekommen?“, fragte der Pfarrer und Treschke bestätigte das.

Die Tage habe der Gast mit Spaziergängen verbracht und sonntags sei er in der Kirche gesessen und habe den Predigten des Herrn Pfarrer gelauscht.

„Aber unser Freund Paul“, begann der Arzt des Dorfes, „ist dem Fremden schon einmal begegnet.“ Für einen Moment wagte es keiner, auch nur seinen Krug anzufassen. Sie sahen es Paul an, dass er nicht gern davon erzählte. „Es ist schon eine ganze Zeit her. Damals wohnte der Fremde noch unter uns…“ Ungläubiges Staunen spiegelte sich auf den Minen der Trinkenden. „Ich habe als Kind oft mit ihm gespielt. Er ist in große Städte gegangen, und man sagt sogar, er habe Bücher geschrieben. Vor einigen Jahren, glaube ich, stand etwas in der Stadtzeitung über ihn. Ich selbst habe ihn aber kaum wiedererkannt…““

„Du meinst doch nicht etwa den Axel Lochmann?“

Paul erzählte weiter, dass er am Montag in den Wald gegangen sei, und er liebe es, wie jedermann wisse, querfeldein zu wandern. Er sei an einer Stelle vorbeigekommen, wo er schon seit Jahren nicht mehr gewesen sei, eine kleine Lichtung oberhalb vom Hexentanzplatz. Frisches Tau habe noch auf den Gräsern gelegen und Spinnennetze hätten von den Ästen gehangen. Völlig unvermutet sei er an einem Gegenstand gestoßen, der sich bei näherer Betrachtung als sein Freund Axel herausgestellt habe. Dieser habe mit dem Rücken an einem Eichenstamm gelehnt, Ameisen und Käfer seien über seinen Körper gelaufen und Spinnennetze hätten sich an seinen grünen Haaren bis auf die Knie erstreckt. Erst nach mehrmaligem Ansprechen habe Axel die Augen geöffnet. „Ach, da bist du ja endlich“, habe er gesagt, „ich habe schon so lange auf dich gewartet.“ „Woher konntest du wissen, dass ich hierherkommen würde, ich war schon jahrelang nicht mehr hier.“

„Ich wollte Abschied von dir nehmen.“

Dann sei er aufgestanden und wie in Zeitlupe davongegangen. Paul habe noch gefragt, wohin er wolle, geantwortet habe Axel jedoch nicht.

Atemlose Stille herrscht unter den Trinkenden und der Kleine Onkel hatte selbst das Zapfen eingestellt. Paul schwieg. Er schien betroffen. Als sie nach einer Weile wieder nach ihren Krügen griffen, fragte der Arzt: „Aber das Blatt im Schreibsekretär. Hat er denn nichts geschrieben?“

„Es stand ein einziger Satz darauf“, antwortete Treschke: „Es war ein zu langer Weg hierher zurück.“

Sie rätselten eine Weile, was der Satz wohl bedeuten könnte. Sie kamen aber zu keinem Ergebnis, waren auch nicht so geübt in solchen Dingen. Sie beschlossen schließlich, das Papier an die noch im Dorf lebenden Verwandten zu übergeben. Der Arzt fragte, ob man ihn nicht suchen sollte. Doch schließlich waren alle so betrunken, dass sich niemand mehr an den Fremden erinnern mochte.

 

-3-

Nur manchmal erzählen Großeltern ihren Enkeln die Geschichte vom Spinnenmann, der nicht arbeiten wollte, mit den Tieren sprach und vom Denken leben wollte. Wenn die Kinder fragen, was denn mit ihm geschehen sei, sagen sie, er sei an Kopfzerbrechen irgendwo im Wald gestorben. Und meistens geht draußen bei solchen Geschichten der Nieselregen nieder, der hässliche Spuren auf den von Fabriken staubbedeckten Fenstern der Häuser hinterlässt.

 

 

(c) Udo Weinbörner, 2015