APRIL 2015

April 2015

Texte für eine undichte Zeit (Gedichte)

Gottesdienst

Wie jedes Jahr

die zweihundert und so viele Stufen

stürmisch hinauf,

atemlos bis zu den Glocken,

gewohnt erstaunt, wie winzig

all die Dinge,

die mich gestern noch betroffen,

eiskalt der Wind,

treibt die Gedanken mir

zu Tränen, wende mich

ab, allein will ich

mich schämen,

denn Gott wohnt nicht

auf dieser Kirchturmspitze.

Lehn‘ mich weit raus, hinaus in Rückenlage,

über mir, sich nur der Himmel

mit den Wolken türmt,

mein Kopf braust leer,

mir fehlt die Frage,

die eben noch mein Herz bestürmt.

Man greift nach meinen Beinen und man ruft:

- Oh Gott! Komm‘ lass das sein! -

und plötzlich bin ich nicht allein:

Angst liegt in der Luft.

 (c) Udo Weinbörner

 

Auf Reisen:

Die Lesung: Von der Wahrnehmung und der Vorstellung, von der absoluten Gegenwart und dem menschlichen Maßstab

Auf der Bühne vor Ihnen steht ein Mensch, vielleicht sitzt er auch an einem Tisch, der dekoriert ist, mit einem Buch, das er geschrieben hat und einem Leselämpchen. Das Publikum sieht seine körperliche Gestalt, seine Miene, seine Gebärden und die Umgebung, lauter Dinge, die man beim Lesen nicht hat. Sie hören seine Stimme, nicht nur Geräusche, sondern Sprache. Er sagt: „Das Wellental war wie ein Höllenschlund!“ Oder: „Eine Glocke begann in ihm zu schlagen, helle, laute Schläge, wie er sie noch nie zuvor in seinem Leben gehört hatte.“

Das Publikum bekommt neben dem Bild vom Autor und seiner Umgebung dort auf der Bühne gleichzeitig ein sprachliches Bild geliefert. Ein Bild, das durch die Vorstellung, durch die Imagination Kraft gewinnt. Wahrnehmung und Vorstellungsvermögen, ein Zusammenspiel, das etwas Theatralisches bei einer Lesung ausmachen kann.

Der Autor dort auf der Bühne liest aus einer Geschichte. Er spielt mit der Einbildung seiner Zuhörer, aber auch mit seiner eigenen Vergangenheit, die er dann Wort für Wort, Satz für Satz als Wirklichkeit ausgibt. Er weiß, dass jede Geschichte, wie sehr sie sich auch mit Fakten belegen lässt, seine Erfindung ist. Deshalb ist er Schriftsteller. Die im Raum versammelten Erfahrungen von Autor und Zuhörern lassen seine Geschichte glaubhaft erscheinen. Doch in Wirklichkeit sind alle Erfahrungen das Ergebnis einer persönlichen Verarbeitung von Geschehnissen und die Vergangenheit dabei nicht objektiv, sondern vielmehr subjektiv, eine Erfindung, eine rückwärtsgewandte Geschichte, die in der Gegenwart erzählt wird.

Die Lesung fällt zudem aus dem zeitgeistigen Rahmen, der Erlebnisse im Geschwindigkeitsrausch keiner zeitlichen und räumlichen Schranke mehr unterwirft. Die Lesung fordert Geduld vom Zuhörer, aber auch vom Autor, ein langsames Voranschreiten, die absolute Gegenwart. Das Tempo, das wir mit Hilfsmitteln, die uns die Natur nicht zudachte, alltäglich zu erreichen pflegen, wird bei der Lesung durch das Zuhören, durch Duldsamkeit und Achtsamkeit ersetzt. Der Kitzel, der Rausch, sich selber aufzuheben in dem Stoff, der erzählt wird, wird dann im glücklichsten Fall zu einem neuen, nicht alltäglichen menschlichen Maßstab. Es entreißt uns der alltäglichen teuflischen Beschleunigung der Gegenwart, die uns in eine Leere lockt. Und Autor und Zuhörer lernen, dass ihr Geist und ihr Herz seit tausenden von Jahren an die Grenzen ihrer körperlichen Fähigkeiten und ihrer Geduld gebunden bleiben.

 (c) Weinbörner, Lübeck im April 2015