SEPTEMBER 2016

SEPTEMBER 2016

 

MÖGLICHKEITEN/BEFINDLICHKEITEN/WEGKREUZUNGEN:

 

Über das Schreiben

Das Schreiben eines guten Romans, eines gelungenen Textes oder eines Gedichtes von Wert ist ein Stapel Geschirr. Man balanciert ihn samt Servietten und Löffel, Gabel und Messer, den Stapel, der nach Bedarf wächst, dessen Einzelteile manchmal unhandlich überstehen, sich nicht einfügen wollen, aus der Küche zum Esstisch, um für die Gäste einzudecken. Es ist Geschirr, das über Monate und Jahre angeschafft, bei Kerzenschein und feinem Tischtuch durchaus Eindruck macht, normalerweise auch Gleichgewicht hält auf dieser Strecke, die jetzt doch länger als gewöhnlich erscheint. Die Unsicherheit stört den sicheren Gang, teures Porzellan klimpert, die Messer beginnen zu rutschen und motivieren die Löffel, es ihnen gleich zu tun. Die kleinen Löffel, Überbleibsel der Kindheit, mit dem Geschmack des Sonntagspuddings – wenigstens die – suchen die Mitte und bleiben noch treu. Mit vorsichtigem halbem Schritt zur Seite sucht man, vielleicht noch einmal Stabilität zu gewinnen, doch das Sehnsuchtssilber der Essgabeln wird kopflastig und klirrt auf die Fliesen. Man bekommt Angst bei diesem unbekannten Geräusch, da kommt noch einer und stellt eine Schüssel obendrauf, wo doch ohnehin schon alles höher, labiler, prekärer und schiefer wird. Man könnte jetzt, das Ziel noch vor Augen, darauf verfallen, einfach zu beschleunigen, alles auf eine Karte zu setzen, die Füße in einem raschen Rhythmus auf vertrautem Untergrund voranzutreiben bis zur Tischkante. Routiniert erreicht man diese mit Glück, aber der Überschwang der Geschwindigkeit behindert den Bremsvorgang und verleitet zu komischen Verrenkungen in Tischhöhe, um zu retten, was schon längst nicht mehr zu retten ist. Der Esstisch, an dem sich unsere dankbaren Gäste all die Jahre treu versammelt haben, löscht das letzte Fünkchen Zuversicht, und es rutschen die Wochen, die Monate, die Jahre, all die hochpreisigen Versprechen zersplittern nach links und rechts mit klingenden und scheppernden Geräuschen, manches landet sogar noch auf dem Boden und den Stühlen. Nur ein einziges Nachtischschälchen aus Ton mit den kleinen Löffeln der Kindheit konnte von den noch geistesgegenwärtig greifenden Händen, die nie aufgeben, gerettet werden. Man wird sich bekennen müssen, dass es dieses Mal nicht gereicht hat, dass es vielleicht nie mehr reichen wird für Gäste. Man steht da, mit dem Nachtischschälchen aus Ton und den kleinen Löffeln, so viel zersprungenes Porzellan ringsum, und ist irgendwie froh, noch ein Zeichen aus den letzten fünfzig, sechzig Jahren gerettet zu haben. Eine Mühsal ist es, Besen und Kehrblech zu holen, alles Zerbrochene aufzusammeln und in einen Eimer zu kippen, nachzuwischen, der kleinen Splitter wegen, die unangenehm schneiden können. Die Gäste sind zu vertrösten, nicht ein jeder glaubt daran, dass der Tisch noch einmal in neuem Glanz erstrahlen wird. Der Küchenschrank ist wie ein leeres Blatt, er gähnt und lächelt zugleich, weil er viel Platz für Mancherlei bietet. Keine Lügen sollen ihn jetzt füllen, kein Zierrat mit Goldrandtassen und Kristallschliff. Einfach und klar muss es werden, denn man ist inzwischen reichlich ungeschickt.

 

(c) Udo Weinbörner, 2016