SCHILLER - DER ROMAN

  UDO WEINBÖRNER

SCHILLER - DER ROMAN

520 Seiten, Hardcover, VERLAG LANGEN MÜLLER, München, 2005

 

 

 

Friedrich Schiller

Würde des Menschen

Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen,
Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.



Schiller wusste, wovon er schrieb. Nicht als kommunistischer Vordenker oder Revoluzzer sind diese Gedichtverse verfasst worden. Es war vielmehr die bittere materielle Not, die er immer wieder in seinem Leben am eigenen Leib erfahren hatte. Als er schwerkrank und hungrig in seiner eiskalten Wohnung in Jena mit seiner Frau fast sein Ende kommen sah und ihn wider alle Erwartungen der dänische Prinz von Augustenburg mit einer Leibrente aus dieser Notlage rettete, schrieb er 1791: „Der Mensch ist noch sehr wenig, wenn er warm wohnt und satt gegessen hat. Aber er muß warm wohnen und satt zu essen haben, wenn sich die bessere Natur in ihm regen soll.“ Die bessere Natur, darum ging es ihm. Um die Freiheit eines jeden Menschen, sich selbst und die Welt zum Besseren zu gestalten. Der Idealist Schiller, der sich selbst zum genialen Dichter formte und gegen den sicheren Tod sein Werk schaffte, das weit über ihn hinauswies, dieser Idealist übersah niemals die Notwendigkeit der Utopie, dem Traum von Freiheit und Menschenrechten ein festes soziales und

 materielles Fundament zu geben. Schillers Idealismus ist daher aktuell und keineswegs weltfremd. Wer hungert und friert, dem steht nicht der Sinn nach einer philosophischen Diskussion über Würde und Menschenrechten.

Schillers faszinierende Lebensgeschichte muss im wahrsten Sinn des Wortes erzählt werden! Einfach und bewegend, packend, drastisch und genau, prall voll mit Leben. Schiller gehört nicht auf einen Sockel gestellt oder in der Weimarer Fürstengruft abgelegt, wo man ihn wahrscheinlich gegen Eintrittsgeld auch noch vergeblich sucht, da er – wie ich erzählen werde – sein unrühmliches Ende im Massengrab des Landschaftskassengewölbes auf dem Weimarer Jakobsfriedhof gefunden hat, den wahrscheinlich kaum ein Tourist kennt. Ich bin ein Erzähler, und ich will, dass der Leser erlebt und mitleidet, wie Schiller als kleines Kind in die Militärpflanzschule des württembergischen Herzogs und später zu einer mit einem Hungerlohn versehenen Stelle als Regimentsmedikus gezwungen wird. Um zu verstehen, was ihm Freundschaft bedeutete, der er in der „Bürgschaft“ ein Denkmal gesetzt hat, muss man erleben, wie kleine Kinder ihren Familien entfremdet und drangsaliert wurden, wie man gegen Bespitzelung und Tyrannenwillkür nur bestehen konnte, wenn man bedingungslos zusammenhielt.

Schillers Freiheitsdrang und sein Streben nach Selbstverwirklichung stürzen Schiller nicht nur in schwierigste persönliche Lebensumstände – wie die Fahnenflucht aus dem Herzogtum Württemberg und seinen ständigen Kampf gegen die Mittellosigkeit – sondern bereiten ihm auch auf dem Feld der Liebe stets neue Probleme. Seine Liebschaften zur wesentlich älteren Majorswitwe Vischer in Stuttgart, zur verheirateten Charlotte von Kalb, seine unglückliche, weil nicht erwiderte Liebe zur Schauspielerin Mademoiselle Baumann, sein Werben um die Verlegertochter Margarete Schwan und die schöne Henriette von Arnim und schließlich seine –auch unter heutigen Umständen- skandalöse Liebesbeziehung zu den Schwestern Caroline und Charlotte von Lengefeld, die in der Heirat mit der jüngeren Schwester Charlotte keineswegs endete, sondern bis zu seinem Sterbebett fort dauerte. Wie anders, als erzählend lässt sich ein solcher Stoff gestalten?

Schiller, ein Freigeist, seiner Zeit voraus, längst außerhalb der starren deutschen Kleingeisterei stehend, vom Geist der französischen Revolution umweht, mit seinem „Räuber“-Drama ein Shooting-Star der deutschen Bühne, der letztendlich immer Probleme damit hatte als freier Schriftsteller, auch eine bürgerliche Existenz zu leben mit Frau und Kindern. Im eigentlichen Sinn stellt Schiller den modernen Typus eines Intellektuellen und freien Schriftstellers dar.

Vieles kann bei solchen Umständen und Spannungsverhältnissen in einer Biographie oder im Rahmen einer Werksausgabe nur in Beziehung zu seinen Texten und Zeitzeugnissen angedeutet werden, doch ein Erzähler ist etwas anderes als ein Literaturwissenschaftler. Er darf, er muss zuweilen Andeutungen, Spekulationen und der Frage nachgehen, wie es hätte gewesen sein können. Er entscheidet sich für eine von mehreren Varianten der Wahrheitsfindung. Das ist für mich als Autor hochspannend. In meinem Roman wird beileibe keine Heiligenlegende geschrieben. Entstaubt, vom ungeliebten Denkmalssockel heruntergeholt, steht „mein Schiller“ mitten unter seinen Lesern. Meine Botschaft: Schiller lebt! Der Roman ist eine packende Leidens- und Triumphgeschichte – und Schiller nicht länger der klassische Leichnam aus dem Deutschunterricht.
 

In diesem historischen Roman wird Schillers Leben von seinem 13 Lebensjahr an erzählt. Die Erzählung setzt an mit dem vom Herzog erzwungenen Verlassen der Lateinschule in Ludwigsburg und dem Eintritt in die militärische Pflanzschule des württembergischen Herzogs Carl Eugen. Unter der herzoglichen Fuchtel verblieb Fritz Schiller in strengster Erziehung, strikt getrennt vom Elternhaus und dem militärischen Drill der teilweise sadistischen Aufseher ausgesetzt. Schillers Tag lief militärisch geordnet ab, vom Wecken um 5 Uhr früh bis zur Bettruhe um 21 Uhr. Oberster Grundsatz: Kein Eleve sollte zu irgendeiner Zeit unbeobachtet sein. Strafen, die vom Hungern, über Ohrfeigen, Exerzieren, Einzelhaft bis hin zum Auspeitschen reichten, wurden vom Herzog persönlich verhängt. Schiller, der Theologie studieren wollte, wurde hier vergeblich in eine juristische Ausbildung gezwungen und wechselte schließlich über zur Medizin. Mitschüler starben, wurden depressiv und verrückt oder ebenso grausam wie das sie unterdrückende Regime. „Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb“, ließen ihn vier Dinge durchhalten. Erstens die Sorge um die eigene Familie. Der Vater, Caspar Schiller, einst Feldscher im Herzoglichen Regiment, dann Werber und schließlich zuständig für die Pflanzungen des Schlossparks auf der Solitude, wäre ebenso wie jeder andere ein Opfer tyrannischer Willkür geworden, wenn der Sohn geflohen wäre. Zweitens, drittens und viertens waren es Freundschaft, Poesie und Enthusiasmus, die ihm alles bedeuteten in dieser unwirtlichen Welt und die ihn zeit seines Lebens beflügeln und nicht mehr verlassen werden. Alles gründete jedoch auf der Freundschaft. Für den gepeinigten Eleven der militärischen Pflanzschule und der späteren Karlsschule war Freundschaft ein Projekt für die Ewigkeit und Unsterblichkeit, „die Leiter, worauf wir emporklimmen zu Gottähnlichkeit.“ Heimlich schrieb er des nachts an seinem ersten Drama „Die Räuber“. Klopstock, Shakespeare, Lessing und Schubart waren die – natürlich verbotenen – Heroen seiner Geisteswelt. Und auch der junge Goethe, der mit seinem „Werther“ und „Götz“ die Jugend begeisterte und dem Schiller auf einer Abschlussveranstaltung das erste Mal persönlich gegenüberstand.

Erst mit 21 Jahren durfte er die „Sklavenplantage“ verlassen, um erneut in der Unfreiheit zu landen – er bekam eine Stelle als Wundarzt in dem Stuttgarter Siechenregiment Augé zugewiesen. Mit einem Hungerlohn und der verweigerten gesellschaftlichen Anerkennung, in eine Regimentsuniform gezwungen und zum absoluten Gehorsam verdonnert, fand er die Themen seines Lebens. Bis zu seinem Tode wird er sich dem Kampf gegen die Tyrannen verschreiben, wird er an der unstillbaren Sehnsucht nach Freiheit festhalten und die Frage nach den Menschenrechten aufwerfen.Der Bruch mit dem bürgerlichen Leben der damaligen Zeit unvermeidlich, sein Aufbegehren gegen den verhassten Herzog geradezu ein Überlebensprogramm, wollte er nicht als gebrochener Mann im Sumpf der Stadt und des Soldatenlebens enden. Schiller führte ein Leben des Sturm und Drang, verlachte alle Regeln und erzwang, was ihm verweigert wurde. Nachdem der Herzog noch meinte, ihn mit einem Schreibverbot erneut unter sein Joch zu zwingen, wurde Schiller fahnenflüchtig und vielleicht zum ersten wirklich freien Schriftsteller in Deutschland.

„Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
Und würd er in Ketten geboren....“




Wer war dieser Friedrich Schiller?

„Er war lang von Statur, fast hager. Sein Körper schien
den Anstrengungen des Geistes damals zu unterliegen.
Sein Gesicht war bleich und verfallen, aber eine stille
Schwärmerei schimmerte aus seinem schönen belebten
Auge, und die hohe, freie Stirn verkündigte den tiefen
Denker...sein ganzes Wesen erweckte Vertrauen. Da war
nichts von Zurückhaltung, nichts von Stolz oder vornehmtuenden Air,
 er war so offen, so redlich in allen Äußerungen,...dass mir, ehe eine Viertelstunde verging, war, als hätten wir uns seit Jahren gekannt...“

(Johann Gottfried Gruber)

Novalis, damals ein 18jähriger Student Schillers in Jena, wo der Dichter Philosophie und Geschichte lehrte und ihm in tief verbunden war, beschrieb ihn folgendermaßen:

„Sein Blick warf mich nieder in den Staub und richtete mich wieder auf. Das vollste, uneingeschränkteste Zutrauen schenkte ich ihm in den ersten Minuten ... ich erkannte in ihm den höheren Genius, der über Jahrhunderte waltet.“

Als Schiller 1791 auf den Tod erkrankte, gehörte Friedrich von Hardenberg (Novalis) zu den ersten Freiwilligen, die bei ihm Nachtwache hielten und sich um ihn sorgten.

Der Roman nähert sich jedoch „nicht auf den Knien rutschend“ dem unerreichbaren Dichtergenius, sondern dem Menschen Schiller. Daher zum Ausgleich der Augenzeugenbericht eines weiteren Zeitzeugen. Sander schrieb im Jahr 1797 an seine Frau über ein Zusammentreffen mit Schiller in dessen Jenaer Gartenhaus:

„Ja so! hätte ich doch bald vergessen, dass ich auch Schiller gesprochen habe und dass wir am Ende der Unterredung sogar bis zum Händeschütteln kamen. Aber – Schiller ist nicht mein Mann. Ein sehr gemeines Gesicht und dabei etwas Widriges. Denke Dir sehr eingefallene Backen, eine sehr spitze Nase, fuchsrotes Haar auf dem Kopfe und über den Augen. Und nun war er in seinem Garten, mit gelben eingetretenen Pantoffeln und in einem schlafrockähnlichen Überzug. Wäre ich so mit ihm in einer öden Gegend zusammengetroffen, ich hätte für mein Leben oder wenigstens für meine Börse gefürchtet.“



Teil II : Über meine Arbeit an „Schiller/Der Roman“

Ein Marathonlauf, in einer guten Zeit, ohne Schmerzen, braucht eine gute Vorbereitung. Eine jahrelange, zuweilen. Oder auch mal eine glückliche Tagesform. Der „richtige Moment“, der unerwartete „Flow“, gehören zum Leben. Sie dürfen hinzu gehofft werden. Dennoch, die Einsamkeit des Langstreckenlaufes braucht Disziplin und Training. Denn das Überschreiten der Schwelle von dem Entschluss zur Handlung, der eintönige Rhythmus der Beine, eine runde vorwärtsstrebende Bewegung des Körpers, in die sich die gleichmäßige Funktion der Lungen fügt, können nicht erzwungen werden ohne Verschleiß. Die bewusst herbeigeführte Lockerheit auch im Wettkampf, die Schultern nach unten gedrückt, den Brustkorb weit, der Blick kontrolliert auf die nächsten Schritte und nicht zu früh ans Ziel denken. Wer verkrampft, verschleudert frühzeitig Energien. Auch Lockerheit braucht eine gute Vorbereitung. Der Gegner bin ich selbst.
Mit der Wiederholung der immergleichen Bewegung dem Ziel entgegen, der ernsthafte Versuch, über sich selbst hinauszuwachsen. Die Bewegung ist im Gedächtnis des Körpers abgelegt, das Programm liegt abrufbar bereit und bedarf keiner zwanghaften Anstrengung. Der Marathon bedeutet, natürliche Grenzen zu negieren, der Lauf, eine psychopathologische Irritation. Die verrückten Ideen, die wir uns aufbürden, sind Antwortentwurf auf eine unvollkommene Wirklichkeit.
„Wie hast du das geschafft?“ die verblüffte Frage. „Das weiß ich auch nicht genau“, die Antwort lächelnd, in dem kurzen Moment, in dem die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufgehoben scheint.
Noch einmal die Momente, in denen die Projektion des Erlebten im Spiegel der Erinnerungen zusammenfließt mit den Gefühlen, der Vergangenheit früherer Generationen, in denen das Vergangene, Unbegreifliche wieder fassbar gemacht werden kann wie das Leben. Die Sucht danach, immer wieder dorthin abzutauchen, die Luftblase der kalten Faktenwelt zum zerplatzen zu bringen. Die durch ein Leben, eine verfluchte, verrinnende Gegenwart gesetzten Grenzen zu ignorieren.
Der Lauf über weiße Seiten dauert Stunden, Tage, Jahre. Ohne längere Pausen. Keiner versteht das. Wer nicht den Nobelpreis oder wenigstens den Büchner Preis erwartet, wird für verrückt oder zumindest nicht mehr gesellschaftsfähig gehalten. Der Lauf, das sind eigentlich nur Buchstaben, Worte, die sich hintereinander gereiht zu Sätzen, Seiten und Lebenskapiteln formieren. Die antreten, um wie eine stetig wachsende Armee das Land meiner Gegenwart zu besetzen. Immer häufiger bin ich ihnen ausgeliefert, befinde mich auf Rückzugsgefechten, unsicher, ob die Brücke vom Alltag zur Vergangenheit lang genug trägt und ich nicht auf einer Seite des Stromes strande.
Misstrauisch, ängstlich prüfe ich die zurückgelegten Kilometer, errechne dann doch – wider besseres Wissen – die Entfernung bis zur Ziellinie. Das macht es nicht leichter. Das gleichförmige Geräusch der Schritte schläfert ein, dabei wollte ich ein konstantes Tempo laufen. Auf dem Tisch türmen sich Bücher, Zeitungsartikel, Aufsätze. An den Wänden Stadtpläne, Zeichnungen, Bilder, zeitgenössische Drucke. Verpflegungsstationen, die es anzusteuern gilt.
Da stehen sie dicht gedrängt am Straßenrand, klatschen, schreien oder analysieren kühl und stumm. Mache ich eine gute Figur? Sehen sie schon, dass ich das linke Bein, müde geworden, nachziehe? Wissen sie schon, ob ich scheitern werde, während ich noch in trügerischer Hoffnung kämpfe? Locker bleiben! Abtauchen! Auf kurzen Strecken laufen einige neben mir her, geben den Schritttakt vor, schieben mich, muntern mich auf, rufen mich beim Namen. Darf ich mir helfen lassen?
Der Erschöpfung nah, bin ich zu Tränen gerührt, als ich neben ihn trete, während er als Eleve bei Tisch kariert, hungrig seinen Kameraden beim Essen zusehen muss, seine Gedanken bei der Mutter, die er schon seit Jahren nicht mehr sehen durfte und der verstorbenen Schwester, die ohne ihn beerdigt wurde. Schwer schlucke ich, als meine Hand seine vom Fieber schweißnasse Stirn berührt und er sich vor Bauchkrämpfen im Bett windet. Seine roten Haare nass und wirr auf dem Kopfkissen. Ohnmächtig vor Schmerz sitze ich mit ihm bei Frau und Kind in Jena am Tisch, an dem es trotz aller klugen Bücher, aller Bühnenerfolge und eines ehrenwerten Professorentitels am Essen mangelt. Wann jemals habe ich so gehungert und gelitten... Die Wahrnehmung seines Lebens ist vom Erinnern durchwirkt. Das Schreiben, ein Mitschreiben, Nachschreiben, ein Erleben. Was stammt aus seiner, was aus meiner Gegenwart? Ich stehe neben ihm auf der Bühne, als sein Stück gegeben wird, sauge begierig auf, was ich da sehe, setze alles in einen neuen Zusammenhang, ein unaufhörliches Suchen und Finden.
Die Kraft reicht. Erstaunt laufe ich nach Überschreiten der Ziellinie weiter. Erste Helfer versuchen mich aufzuhalten, doch ich kann nicht anders, als dem Rhythmus meiner Füße zu folgen. Auch wenn es keinen Platz mehr dafür im Buch geben wird, will ich erzählen, wie man ihn verscharrt und verraten hat. Will nicht schweigen über Goethes Abwesenheit all die Jahre nach seinem Tod. Sprinte sogar noch in die schauerliche Geschichte der Suche seiner Gebeine in einem Weimarer Massengrab 21 Jahre nach seinem Tod.
Sein Leben hätte gereicht für ein Dutzend Romane, obwohl er nur wenig von der Welt gesehen und nicht über Stuttgart, Mannheim, Leipzig, Dresden, Jena und Weimar hinausgekommen ist. Obwohl ihm nur 46 Jahre vergönnt waren.
Nach fünf Jahren beende ich meinen Lauf, lege meinen Füller zur Seite und ziehe Bilanz. Ich bin jetzt fast auf den Tag genau so alt wie Schiller, als er starb: 46 Jahre. Vielleicht war es mein Alter, das Erschrecken über seinen frühen Tod, was mich vorwärts getrieben hat. Jetzt kann ich sein Leben nicht mehr ablegen wie einen ausgebeulten Mantel. Sein Leben, ein Parallelraum neben meinem, durch eine Membran verbunden, Wabe an Wabe. Immer wieder für Momente, wenn ich einen Text, eine Begebenheit gefunden habe, begreife ich, er hat auch mich aufgeschrieben, so wie ich versucht habe, ihn aufzuschreiben. Durch seine Texte habe auch ich mich gefunden – ein Stück weit jedenfalls. Für die Momente des Lesens und die Zeit danach. Ich empfinde ihm gegenüber (und meinem Verlag) Dankbarkeit, für den zurückgelegten Weg, dass ich diese Arbeit leisten durfte. Respekt, dem Leben gegenüber. Aber vor allem der Sprache.

Bonn/Meckenheim Januar 2005

© Udo Weinbörner

 

Weimar Schillerhaus/Schillers Schreibtisch (Foto Privat)