OKTOBER 2017

OKTOBER 2017

Aufrecht gehen/Wi(e)derstehen

Abbildung auf der Seite ist ein Bild von Maarten van Heemskerk (1498-1574)

 

Justiz

Eine Skizze

Gerechtigkeit - eine von Menschen für Menschen gelebte Idee. Nicht mehr, als das Ergebnis der menschlichen Vernunft, diese Idee in einer Gemeinschaft um der Würde wegen zu verteidigen und zu leben.

Gerechtigkeit?‘, dachte die Justiz, ‚die reitet doch wie im Western hoch zu Ross direkt in den Ort des Verbrechens, ihre Gesetze wie zwei Colts locker im Gurt. Das große Manko: Sie darf nie als erste ziehen und töten. Das wäre gegen alle Regeln; das wäre Mord. Dies macht diese die Sache mit der Gerechtigkeit spannend und den Ausgang der Auseinandersetzung mit dem Unrecht ungewiss.

Als ob das Böse in der Welt allein durch geschriebene Regeln machtlos würde. Ich weiß schon, das klingt jetzt nicht gerade wie ein Plädoyer für den Rechtsstaat. Aber manchmal macht man sich etwas vor, wenn man vorbehaltlos an die Gerechtigkeit glaubt.

Der Richter kam noch einmal zurück in den Sitzungssaal. Laut erklärte die Justiz den Parteien: ‚Es gibt keinen Sieg jenseits der Grenzen des Rechts! Dafür, Herr Kollege, haben wir doch Jura studiert, dafür arbeiten wir doch täglich, oder?‘ Jemand erschrak, weil er glaubhaft die Wahrheit verdrehte. ‚Wer mit dem Teufel tanzen will, sollte festes Schuhwerk tragen – und nicht erwarten, dass er nach dem Tanz wieder im Paradies gnädig aufgenommen wird!‘ 

Der Staatsanwalt würde gern, dachte aber nur an den Aktenstapel und die überfälligen Verfahren, an einen Wettlauf, der ihn schon seit langem atemlos machte - und er schwieg. Ein Verteidiger, ein Star seines Fachs, der sich gemaßregelt fühlte, knurrte laut hörbar für jene, die sich noch im Gerichtssaal aufhielten: „Gerechtigkeit herrscht nur in der Hölle; im Himmel herrscht die Gnade, und auf Erden das Kreuz. So ist das, Herr Richter! So und nicht anders!“

Dabei hätte die Geschichte, die zur Verhandlung anstand, auf die eine oder andere Weise jedem passieren können. Am Ende des Tages war es für die Öffentlichkeit sichtbar und Justizia gesteht: ‚Mit Gerechtigkeit werden meine Siege nichts zu tun haben.‘

Doch mangels Alternative wagt es niemand, sie in Frage zu stellen. Nur geliebt wird sie nicht und ihre Dienste werden schlecht honoriert.

 

(c) Udo Weinbörner