MAI 2017

MAI 2017

 

Kurzgeschichte:

 

Udo Weinbörner

Unteilbar ist die Liebe

Es musste doch für etwas gut sein, wenn man so aussah wie Vince. Wahl- und skrupellos verführte er als eloquenter Lügner die begehrenswertesten Frauen, koordinierte leidlich die Termine mit seinen zahlreichen Geliebten. Dabei bekannte er stets beim ersten Treffen, ein notorischer Lügner und unfähig zur Liebe zu sein.

Auch Jasmin jagte und begehrte er auf diese Art. Doch unmerklich faszinierte ihn etwas an ‚Jazz‘, wie er sie zärtlich nannte, das über das Körperliche hinausging. Es gelang ihr sogar, dass er seine Verhältnisse aufgab, um sie nach Lissabon zu begleiten. „Damenprogramm“, witzelte Jazz. Er befürchtete, sie würde sich falsche Hoffnungen machen, beschwor sie geradezu: „Ich kann mich nicht verlieben.“ Doch sie bestand auf der Reise: „Wir können uns ja danach trennen. Es wird zauberhaft, du wirst schon sehen.“

Obwohl Vince dieses weibische ‚zauberhaft‘ nicht wörtlich nahm, spürte er eine ihm fremde Ruhelosigkeit. Er zog Bilanz: Jazz war seine 23 Geliebte. Er ging die Reihe all der Frauen und Mädchen durch und fragte sich, ob es eine jede von ihnen wert gewesen war. Der Gedanke an ihre Verschiedenartigkeit erregte ihn nicht mehr, Vince fühlte sich müde und gelangweilt. Er nahm sich vor, künftig etwas wählerischer zu sein.

Am Tag vor der Abreise, entdeckte er Jazz am Steuer ihres roten Sportcabrios vor einem teuren Restaurant. Durch den Regen, der auf die rückwärtige Scheibe prasselte, hatte sie schlechte Sicht beim Einparken, wandte daher ihren Blick nach hinten. Dann stieg seine Geliebte aus dem Wagen, machte einige rasche Schritte in seine Richtung. Sie schien ihn jedoch nicht bemerkt zu haben, blickte in eine andere Richtung, aus der sich ein junger Mann zwischen sie beide schob. Ein Kerl, dem Jazz mit beiden Armen um den Hals fiel, um ihn zu küssen. Er hörte sie lachen, beobachtete, wie sie zusammen davonfuhren. Die Eifersucht stach ihm wie ein Messer in die Rippen.

Unschlüssig, ob er noch mitreisen sollte, saß er ihr am späten Abend gegenüber. Doch schon erklärte Jazz lächelnd: „Es ist so schön, dass du nicht in mich verliebt bist. Ich hasse jede Art von Versteckspiel. Lorenz heißt mein kleiner Freund, den ich vor einer Woche aufgetan habe. Nichts Ernstes.“ „Hast du Lorenz von uns erzählt?“, wollte Vince wissen. „Warum nicht? Ich glaube, er war ziemlich eifersüchtig auf dich. Sei mir nicht böse, aber heute Abend brauche ich ein wenig Ruhe.“

„Selbstverständlich“, erwiderte Vince. Tatsächlich setzte ihm die Vorstellung von Jazz in den Fängen des Jünglings heftig zu. In dieser Nacht fragte sich Vince, ob auch er nur einen Ausschnitt aus Jasmins Synopsis eines Beziehungsgeflechts bildete, das bei ihm immerhin bis 23 reichte. Reichten ihre Beziehungen etwa über seinen Erfahrungswert hinaus?

Doch als sie am nächsten Tag gemeinsam im Hotel Mundial, in Lissabon eincheckten, war Vince der aufmerksamste aller Reisebegleiter. Sie entschwebten mit dem altehrwürdigen Elevador da Santa Justa, auf die Höhe der Altstadt, genossen den Ausblick auf den Tejo, aßen Fisch, gingen anschließend spät abends noch ins Brasileria und lauschten den Fadoklängen der Musikanten. Dann hatte es Jazz eilig, sie sprangen als letzte in die gelbe Linie 28 der Straßenbahn, die vor dem Hotel Mundial ihre Endstation anfahren würde. Die überfüllte Bahn war die preiswerteste Art einer Stadtrundfahrt. Noch in der Hast meinte Vince, statt der 28 auf dem Schild die Zahl 23 erkannt zu haben, aber eine solche Linie gab es nicht. Er maß der Sache keine Bedeutung bei. Im Mundial zog ihn Jazz aufs Zimmer, wo sie sich leidenschaftlich liebten.

Am Sonntagnachmittag wirken beide übermüdet, als sie auf dem Parca do Comércio vor dem Finanzministerium den Bus bestiegen, der die Konferenzteilnehmer zu einem Empfang ins 23 km entfernte Sintra befördern sollte. Königspaläste, Parks, die Sommerresidenz der Royals – und das um 1800 erbaute Café Paris mit seinen blauen Fliesen an der Außenfassade, das mit seinem vollverspiegelten Raum, Kronleuchtern, edlem Tafelsilber einen stimmungsvollen Rahmen abgab. Der Spiegelsaal war für den Stehempfang vorbereitet, durch die angrenzende Bar, gelangte man in den weißen Salon, der für das Abendessen eingedeckt war.

Vince, nur Begleiter, beobachtete Jazz und fragte sich, was sie zu seiner 23 Geliebten hatte werden lassen. Die letzte Nacht der Leidenschaft schien etwas in ihm ausgelöscht zu haben. Ich kenne sie doch gar nicht, dachte er, betrachtete sich in den uralten Spiegeln des Raums und spürte Unbehagen, mit ihr ins Hotel zurückzukehren. Vince begann, nach Weißweingläsern zu greifen, ohne sich betrinken zu wollen. Dann bemerkte er, wie sie über einige Entfernung in seine Richtung deutete. Das Licht der Kristallleuchter brach sich zusammen mit den rötlichen Strahlen der untergehenden Sonne in den Wandspiegeln und färbte die Szenerie seltsam blutrot ein. In Jasmins Geste lag sogar etwas Bedrohliches und ihr Blick, der ihn traf, war von einer durchdringenden Kälte, die großen Schicksalsschlägen oder der Ankunft von Gespenstern vorausging. Vince erschrak. Ihr Verhältnis kam ihm erneut in den Sinn. Vielleicht war sie seiner überdrüssig … Der Gedanke missfiel ihm.

Im weißen Salon fand Vince in der hintersten Ecke der Tafel Platz. Seine Tischnachbarn waren freundlich, aber fremd, ausgelassen und laut. Kurz darauf betrat eine junge Frau den Raum und begann mit einem der Männer ein Gespräch. Sie war eindeutig anders als die anwesenden Frauen, jünger, hübscher, besaß einen aufregenden dunklen Teint, sie trug weiße Turnschuhe und ein luftig schwingendes Sommerkleid. Ein weiteres Gedeck kam. Sie aß mit gutem Appetit. Vince starrte sie an. Eine gutaussehende junge Frau, hungrig und freundlich, selbstbewusst genug, zu speisen, obwohl sie nicht zu den geladenen Gästen gehörte. Sie parlierte mit diesem und jenem drauflos. Vince war fasziniert, alle anderen weiblichen Wesen verblassten neben ihr. In seinem Kopf begann der Jagdinstinkt sein altes Spiel und ließ ihn binnen weniger Minuten einen Entschluss fassen. Vince musste diese Frau kennenlernen! Er entschuldigte sich bei Jazz, er wolle noch ein wenig umhergehen, mit dem Taxi zurückfahren. Es war verblüffend, wie überzeugend ihm die Lügen über die Lippen kamen.

Als Vince die Gesellschaft vorzeitig verließ, sah er für einen kurzen Moment die schöne Fremde ganz in der Nähe von Jazz stehen. Täuschte er sich? Vince wartete im Schatten einer Seitengasse. Nach wenigen Minuten erschien die junge Frau ohne Begleitung und lief die Straße hinauf. Dort befand sich an einem Berghang inmitten eines großen Parks in etwas mehr als 1 km Entfernung der 1900 errichtete Palast Quinta da Regaleira. Vince hielt Abstand, bemüht, sich ihrem Schritttakt anzupassen. Ihr helles Sommerkleid hob sie stets deutlich von den Schatten der Hauswände ab. Bald hatten sie den Ortsrand passiert. Vince entschloss sich, den Abstand zu verringern. Jeden Moment konnte sie in einem Eingang verschwinden. Sie musste ihn doch mittlerweile bemerkt haben!

Vince erkannte tatsächlich jenseits der Mauern den Palast und die Parkanlage, die geschlossen waren. Verblüfft blieb Vince einen Moment stehen. Da ging sie auf das Tor zu, das tagsüber den Besuchern als Ausgang diente. Der Klang eines Schlüsselbundes! Er folgte ihr im Laufschritt. Das war überfallartig! Keinesfalls sollte sie ihn aus Furcht abweisen. Er hielt Abstand, sodass er nicht als Bedrohung begriffen werden konnte, erklärte in Englisch, er habe sie auf dem Empfang im Café Paris getroffen.

„Sie sind mir gefolgt.“ Nur eine Feststellung von ihr, keine Frage. Vince glaubte, dass sie es auf dieses Treffen angelegt hatte. Er war jetzt ganz bei sich: Blitzschnell denken, ein Raubtier auf der Jagd. „Ich musste dich kennenlernen. Ich heiße Vince.“ Ihr Gesicht im Halbschatten nur undeutlich zu erkennen. „Du bist unwiderstehlich schön.“

„Was macht Ihre Frau heute Abend?“

„Ich war nie verheiratet, aber – zugegeben: meine Begleiterin fährt zurück nach Lissabon.“

„Sieh an, sieh an, Vince, wenigstens sind Sie klug genug, mich nicht anzulügen. Übrigens, Antonia. Ich arbeite im Museum.“ Sie trat ins Mondlicht. Vince starrte wie hypnotisiert in ihre dunklen Augen. „Was ist nun? Wollen Sie mit rein?“ Wieder entschuldigte er sich. Sie verschloss das Tor hinter ihnen.

Vince riskierte alles: „Also, ich bin nicht gebunden und möchte lieber mit dir schlafen.“ Antonia starrte ihn ein wenig sprachlos an. Das war schon ein krasser Satz. Dann lachte sie: „Wenigstens ehrlich, Vince. Die Wievielte wäre ich?“

„Ist das wichtig, …?“, wunderte sich Vince.

„Für die 13 wäre ich zu abergläubisch – als 10 würde ich mich leichtfertig fühlen. Wie steht es mit Liebe und Wahrheit?“, Antonias Hand berührte ihn auf der Schulter. Für einen Moment dachte er intensiv an Jazz und ihm war wieder bewusst, warum er sich in sie verliebt hatte. „Aufrichtige Antwort: Nummer 24. Von Liebe war nie die Rede.“ Sie verwundert: „Ohne Nachzurechnen, was ist davon zu halten?“

„Ich habe Anlass gehabt, Bilanz zu ziehen. Warum sollte ich nicht mit dir schlafen wollen? Du bist begehrenswert“, antwortete er mit großem Ernst.

„Warum denn nicht …“, sagte Antonia, was keine Frage war, aber in ihrer Betonung auch nicht wie eine Antwort klang. „Ich gehe ein Stück voraus. Fremde sollten hier jetzt niemandem begegnen, Vince.“ Sie ging in einem weiten Bogen links vom Schloss durch den nächtlichen Park, bevor sie sich dem oberen Eingang näherten. Schatten und Licht auf dem Weg narrten offenbar die Wahrnehmung. Antonia war schnell unterwegs. Vince, bekam Schwierigkeiten, den Anschluss zu halten und meinte einige Male, sie schwebe die Parkwege entlang. Eine gespenstische Atmosphäre. Tatsächlich lief er das letzte Stück, jede Vorsicht außer Acht lassend. Es hätte ihn verwundern können, dass die Türen weit offenstanden, aber er schaute nur Antonia hinterher, wie sie von der Dunkelheit des Hauses verschluckt wurde. Wenige Sekunden später stolperte er in einen Raum völliger Finsternis. Er sah nichts mehr von der jungen Frau. Er hörte auch nichts von ihr, keine Schritte, nicht ihre Stimme, keine Geräusche, nichts. Es herrschte eine Stille, wie sie auf dem Mars herrschen musste, wenn es dort tatsächlich still war. Vince verharrte in der Hocke lauschend. Dann gelangte er bis zur nächsten Tür und fand einen Lichtschalter. Ein unerwartet greller Lichtblitz ließ ihn blinzeln. Dann erschrak er zutiefst, als er sich selbst entgegenkommen sah. Irgendwo im Dreidimensionalen erwartete ihn Jazz in ihrer verführerischsten Pose. Je länger er erstarrte, desto enger umschloss ihn diese Szenerie. Was war das? Er tastete nach vorn, meinte noch, eine Leinwand oder einen Spiegel vorfinden zu müssen, stattdessen griffen seine Hände ins Leere. Er suchte einen Ausweg. Da entdeckte er eine Tür mit der Nummer 23, jagte in diese Richtung, hörte jetzt Antonias Stimme, wie sie ihn rief. Kaum erreichte er die Tür, kam er sich selbst erneut entgegen. Auch hier verfolgte ihn Jazz mit ihrem Blick und er begegnete einer Geliebten. Diese Begegnungen lösten nach und nach Panik in ihm aus. Längst hatte Vince begriffen, dass er niemals mit Antonia schlafen würde. Aber es gab kein Zurück, denn jedes Mal, wenn er umkehren wollte, befand sich hinter ihm eine undurchlässige Wand. Antonias Stimme und die Blicke von Jazz trieben ihn bis zur absoluten Erschöpfung weiter und weiter.

Im oberen Teil des Parks der Quinta da Regaleira gab es diesen großen geheimnisvollen Brunnen ohne Wasser. Eine Wendeltreppe führte über neun Ebenen auf den Grund hinunter. Dieser Brunnen sollte einstmals als Initiationsstätte für Freimaurer errichtet worden sein. Auf seinem farbigen Grund fand man am nächsten Morgen, den bewusstlosen Vince völlig nackt. Wer konnte schon sagen, was sich wirklich zugetragen hatte. Der Zwischenfall erregte Aufsehen, weil der Mann eine Vertreterin der deutschen Delegation begleitet hatte und beide noch während ihres Aufenthaltes in Portugal heirateten. Die Ausstellung im Palast über die 23 Variationen der Liebe wurde ein Erfolg. Die junge Künstlerin Antonia erklärte auf die Frage eines Reporters, warum sie 23 Variationen gewählt habe, der Zauber der Liebe brauche mehr als einen Versuch und die wahre Liebe sei unteilbar.