MÄRZ 2016

MÄRZ 2016

Aufrecht gehen/wi(e)derstehen:

Die abgetragenen Kleider meiner Erinnerung

Das Leben ist kein Zufall – auch, wenn uns im Laufe unseres Lebens eine Menge Zufälle zustoßen. Doch die wesentlichen Dinge unseres Lebens geschehen, weil wir mit einem bestimmten Blick auf die Menschen und die Welt schauen, die uns umgibt. Sie geschehen, weil wir schon bei unserer Wahrnehmung auswählen, bewerten, weg- oder hinschauen, uns abwenden oder engagieren. Und dann unsere Gefühle, diese Untiefen unseres Seins, die uns antreiben und stranden lassen, und unser Wille, dieses oder jenes zu erreichen, zu besitzen, zu erfahren. Dabei sind dann immer die ganz großen Dinge in unserem Gepäck dabei, an denen wir manchmal schwer zu tragen haben, weil sie Gefühl und Wille gleichermaßen völlig beanspruchen: die Liebe, beispielsweise, die Trauer, über einen endgültigen Verlust, wie den Tod der Geliebten oder eines besten Freundes. Das Leben geschieht uns, weil wir Getriebene sind, zudem Gesellschaftswesen in einem Meer von anderen Getriebenen. So machen Glück und Unglück, Liebe, Freundschaft, Hass, Streit und Fanatismus, Begegnungen und Trennungen unser Leben aus.

Das Leben ist kein Zufall – es ist eine Ansammlung dieser Momente, die zu Erfahrungen werden, die sich ausgerechnet dann, wenn es völlig still ist um uns und in uns, lautstark zu Wort melden und uns mit Gefühlen überschwemmen. Finsterste Ängste und hellste Glücksgefühle, grässlich und schön, längst verloren Geglaubtes taucht wieder auf und lässt uns staunen über die Kleider, die wir einmal getragen haben. Bin ich gewachsen seit dem und trage ein besseres Gewand oder stehe ich inzwischen nackt im Regen, weil ich das, was mich schützen könnte, gering geachtet, abgetragen und zerschlissen habe.

Manchmal stehe ich vor einem Haufen abgetragener Kleider meiner Erinnerung und staune mit weit aufgerissenen Augen: Schon alles vorbei? Das soll es gewesen sein – das donnernde Leben? – Eben!

So gesehen, stöbere ich nicht gern in alten Sachen, machen mich viele verlorene Schlachten, grässliche Fehler auf das Neue geradezu depressiv, spüre ich den Verwüstungen an Körper und Seele nach, die das Alter und die Erfahrungen anrichten. Manchmal sind Altkleidersammlungen, gewolltes Aussortieren, Marscherleichterungen ein Lösungsansatz. Aber würde aus mir nicht eine eindimensionale leblose Papierschablone, wenn ich ohne meine Erinnerungen und meine abgetragenen Kleider leben würde? Ganz sicher muss ich vieles bewahren – auch die hässlichen Dinge, denn nur durch sie bekommen die schönen Dinge des Lebens Wert. Ganz sicher brauche ich für mein Schreiben all die Begegnungen, die Gesichter, die Gespräche, die Stimmungen, die Kleider. Aus dem Erinnern entsteht mein Schreiben. Und aus dem Schreiben erwächst mir (wider allen Ängsten) das zarte Pflänzchen Zuversicht, dass das Leben am Ende ein sinnstiftender Kreislauf sein wird.

(c) Udo Weinbörner, 2016