JUNI 2017

JUNI 2017

 

TEXT FÜR EINE UNDICHTE ZEIT

 

 

 

                      Die Kölner Ausgabe der Werke Heinrich Bölls ist abgeschlossen! Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln

 

Wie ich Heinrich Böll nicht begegnet bin

Heinrich Böll für meinen Literaturtagebucheintrag? Ja doch, ich lebe und arbeite in Meckenheim bei Bonn – schon fast in seiner Nachbarschaft. Dies im Präsens formuliert, bewusst, denn Böll, dessen Geburtstag sich am 21. Dezember 2017 zum 100sten Mal jährt, nimmt mit einem knappen Regalmeter in meinem Bücherregal und in der wiederkehrenden Lektüre durchaus einen gegenwärtigen Platz ein. Zudem bin ich häufig mit dem IC 927 ‚Heinrich Böll‘ von Köln Richtung Berlin Ostbahnhof gefahren und kann das gegenwärtig verbindende Element in Bölls Werk als erlebbar bestätigen. Außerdem kann ich einem Lübeck-Besucher nicht nur das Grass-Haus, sondern auch das „Heinrich Böll Kneipenrestaurant“ in der Bäckergrube 65 (ich habe eine Woche auf der Straßenseite gegenüber gewohnt) als bodenständig und stimmungsvoll empfehlen. Böll ist gegenwärtig, auch zu seinem 100sten Geburtstag.

Dennoch, so präsent Böll mir als engagierter Schriftsteller auch 32 Jahre nach seinem Tod noch ist, um den großen Nobelpreisträger für Literatur ist es doch still geworden. Und ich gestehe, dass mir heute gerade jene Romane, die ich bei Erscheinen geradezu verschlungen und heißblütig verteidigt hatte, manche Schwierigkeiten bereiten. ‚Gruppenbild mit Dame‘, ‚Ansichten eines Clowns‘, ‚Die verlorene Ehre der Katharina Blum‘, ‚Fürsorgliche Belagerung‘ waren zum Zeitpunkt meiner ersten Lektüre viel mehr für mich als große Literatur. Diese Romane waren geradezu tagesaktuell und glasklar engagiert. Ein ungeheuer mutiges Unterfangen für einen Schriftsteller von Rang!

Aber gerade darin liegt heute auch mein Problem: Die Tagesaktualität ist dahin. Natürlich sind diese großen Romane allesamt von solcher Qualität, dass sie auch zeitlos gelesen werden können. Natürlich gibt es diese Art von Bildzeitungsjournalismus und auch die beschriebenen Defizite am Demokratie und Rechtsstaatsverständnis oder bei den Frauenrechten noch. Aber wer die großen Böll-Romane vor dem Panorama der damaligen aktuellen Vorgänge gekauft und verschlungen hat, wer dabei den engagierten, guten Menschen Heinrich Böll vor Augen hatte, dem schmeckt die reine Literaturkost halt heute nicht mehr genauso wie damals. Vielleicht lesen viele meiner Schriftstellerkolleginn/en daher Heinrich Böll weniger als früher; vielleicht fällt sein Name deshalb manchmal mit einem Seufzer: „Ach ja, der Böll. Müsste man mal wieder, aber …“

Ich hadere mit mir und bin dabei, für ihn aufs Neue Partei zu ergreifen. Dies fiele mir wahrscheinlich noch leichter, wenn ich ihm tatsächlich begegnet wäre und ihm einmal persönlich die Hand geschüttelt hätte. 1984, also vor ca. 33 Jahren, bin ich aus Westfalen nach Bonn in seine Nachbarschaft gezogen und irgendwann im kühlen, verregneten Mai/Juni rausgefahren, um vor den Toren vor Bonn, Richtung Bornheim, den Lamuv Verlag aufzusuchen, den einer seiner Söhne, René Böll, betrieb. Natürlich hatte ich als junger Schriftsteller mit vielen Idealen und Flausen im Kopf, damals 25 Jahre alt, nur eine ungefähre Vorstellung vom Literaturbetrieb, der aus wesentlich mehr besteht, als aus dem Schreiben von Büchern. Natürlich hoffte ich darauf, den Sohn von Heinrich Böll zu beeindrucken und vielleicht sogar eine Chance für eine Veröffentlichung zu bekommen. (Beeindrucken womit? Ich weiß es nicht mehr und kann es mir auch heute nicht mehr vorstellen.) Wenn ich ganz aufrichtig bin, hoffte ich auch darauf, den großen Nobelpreisträger, der immer mal wieder das eine oder andere Werk im Lamuv Verlag herausgab, persönlich zu treffen und vielleicht ein paar Worte mit ihm wechseln zu dürfen.

Ich erinnere mich an mein Herzklopfen, an einen werkstattähnlichen Raum, wo ich gebeten wurde zu warten, an Bücherregale, Verpackungsmaterial – und, dass mir der Mund trocken wurde vor Aufregung und die Knie weich, als ich schließlich registrierte, dass Heinrich Böll selbst die Ursache für mein Warten war. Er unterhielt sich irgendwo im Haus, wahrscheinlich im Nachbarzimmer mit seinem Sohn. Mein Kopf arbeitete fieberhaft an verschiedenen Szenarien, suchte nach Möglichkeiten, ihn noch abzupassen, zu dem bewunderten, unerreichbar berühmten Schriftsteller vorzudringen. Diese Gelegenheit würde sich nicht so schnell wiederholen, stand beim Lamuv Verlag damals der Umzug Richtung Württemberg (oder war es die Pfalz?) unmittelbar bevor. Doch was konnte, sollte ich(kleiner Wurm von einem Schreiberling) einem Nobelpreisträger sagen? Wie näherte man sich überhaupt einem Literaturnobelpreisträger, ohne sich aufzudrängen oder wie ein dummer Schuljunge mit offenem Mund dazustehen. Ich ärgerte mich, dass ich nicht wenigstens eines seiner Bücher mitgenommen hatte, um jetzt mit dem Wunsch um eine Signatur, auf mich aufmerksam machen zu können. Das wäre ein Anlass gewesen – mehr aber auch nicht.

Die Situation blieb ungenutzt und dauerte keine zehn Minuten. Heinrich Böll verließ seinen Sohn und den Verlag, ohne dass ich die Gelegenheit hatte, ihn zu Gesicht zu bekommen. Aufgeregt, zittrig, mit schweißnassen Händen wusste ich anschließend auch René Böll, dem Herrn Verleger, kein rechter Gesprächspartner mehr zu sein. Eine Viertelstunde später saß ich wieder in meinem Wagen und hatte drei Bücher des Lamuv Verlages und einen schwer zu tragenden Sack mit Enttäuschungen und Selbstvorwürfen über die ungenutzt verstrichene Gelegenheit im Gepäck. Die Bücher jedenfalls waren auch später noch eine wirkliche Bereicherung für meine Lektüre und haben im Arbeitszimmer ihren festen Platz (von Tomás O’Crohan unter anderem: ‚Die Boote fahren nicht mehr raus‘ und Peig Sayers, ‚So irisch wie ich‘). Meine Liebe zu Irland, ohnehin mit Heinrich Bölls, ‚Irischem Tagebuch‘, längst entflammt, gewann neue Tiefen und führte zu späteren Reisen auf die Insel. Ich haderte nach diesem Besuch mit meinem schüchtern, verlegenen Zögern und der verpassten Chance derart, dass ich mich lange Zeit nicht traute, überhaupt an einen zweiten Besuch beim Lamuv Verlag zu denken. Ein Eindringen in die Privatsphäre von Heinrich Böll schien mir ohnehin ohne einen angemessenen Anlass völlig unvorstellbar. Ich las „Frauen vor Flusslandschaft“ und begeisterte mich an der Einfachheit und Klarheit der Sprache von Heinrich Böll, mit der er Personen der ‚Bonner Republik‘ beschrieb und seine aufrechte Haltung, die keiner Sprüche und Bildungsweisheiten bedurfte, um wahrgenommen zu werden.

Ich entdeckte einen seiner Texte „Über mich selbst“, den er 1959, in meinem Geburtsjahr verfasst hatte. Mit ihm kam ich als Westfale eigentlich im Rheinland an. Mit ihm widersetzte ich mich Konventionen – zum Beispiel auch der Konvention, zwanghaft meine Ausdrucksweise in kurzen Sätzen üben zu müssen, auch wenn doch die Aussage fließende Zusammenhänge und eine komplexere Sprachebene zuließ. Hier ein kleiner Ausschnitt aus diesem Böll Text:

„Geboren bin ich in Köln, wo der Rhein, seiner mittelrheinischen Lieblichkeit überdrüssig, breit wird, in die totale Ebene hinein auf die Nebel der Nordsee zufließt; wo weltliche Macht nie so recht ernst genommen worden ist, geistliche Macht weniger ernst, als man gemeinhin in deutschen Landen glaubt; wo man Hitler mit Blumentöpfen bewarf, Göring öffentlich verlachte, den blutrünstigen Gecken, der es fertigbrachte, sich innerhalb einer Stunde in drei verschiedenen Uniformen zu präsentieren; ich stand, zusammen mit Tausenden Kölner Schulkindern Spalier, als er in der dritten Uniform, einer weißen, durch die Stadt fuhr; ich ahnte, daß der bürgerliche Unernst der Stadt gegen die neu heraufziehende Mechanik des Unheils nichts ausrichten würde; geboren in Köln, das seines gotischen Domes wegen berühmt ist, es aber mehr seiner romanischen Kirchen wegen sein müßte; das die älteste Judengemeinde Deutschlands beherbergte und sie preisgab; Bürgersinn und Humor richteten gegen das Unheil nichts aus, jener Humor, so berühmt wie der Dom, in seiner offiziellen Erscheinungsform schreckenerregend, auf der Straße manchmal von Größe und Weisheit. (…)“

Texte wie dieser, seine urbescheidene Haltung: „Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später“, nehmen mich auch heute für ihn ein. Die Entdeckung dieses biografischen Textes ließ mich dann doch ein zweites Mal an ein persönliches Treffen denken. Ich verwendete einige Sorgfalt und viel Zeit auf einen Gesprächsleitfaden, auf Dinge, die ich erfahren wollte, die mir wichtig waren und schaute mit Zuversicht der Möglichkeit einer Begegnung entgegen. Doch vorher starb Heinrich Böll am Morgen des 16. Juli 1985 in seinem Haus in dem kleinen Eifelort Langenbroich. Ich tröstete mich mit seinen Kurzgeschichten und Erzählungen ‚Der Mann mit den Messern‘ ‚Das Brot der frühen Jahre‘ und ‚Der Zug war pünktlich‘ oder ‚Entfernung von der Truppe‘ und bin mir noch heute sicher, dass ich ihm mit diesen meisterhaften Texten persönlicher begegnet und näher gekommen bin, als ich es mit einem Händedruck jemals vermocht hätte. Heinrich Böll ist ein großartiger Geschichtenerzähler und ein zutiefst menschlicher Chronist unserer Zeit – meine nachgetragene Empfehlung nach all diesen Jahren für all jene, die ihn mal wieder entstauben und zur Hand nehmen müssten. Es lohnt sich, ihm zu begegnen.

(c) Udo Weinbörner 2017