JUNI 2016

 

JUNI 2016

 

AUF DER REISE:

 

 

Tief im Süden, wohin kein Schiff fährt

 

Alter ist eine Erfahrung, die jeden Tag wächst. Das Wissen vom Ende wandelt sich dabei mit jedem weiteren Jahr an Erfahrung immer mehr von einer Möglichkeit zu einer stetig wachsenden Gewissheit. Diese Gewissheit bekommt Konturen, wird zeitlich greifbar und körperlich erfahrbar. Jeden Tag, dann immer deutlicher auch das Wissen, dass uns vielleicht nicht mehr lange genug bleibt, um einen Schatz ein zweites Mal zu heben:

Einen Berg zu besteigen, um vom Gipfel zu blicken.

An einen entfernten Ort zu reisen, um ein Gemälde zu bestaunen oder ein Konzert zu genießen

Irgendwo in die Tiefen eines Meeres einzutauchen, um Fischschwärmen zu folgen oder das helle Blau in einem Eisberg bei Sonne in sich aufzunehmen.

Die Ekstase des Verliebtseins noch einmal neu zu entdecken.

Eine Kinderhand in der eigenen zu spüren, die sich vertrauensvoll umschließen lässt, während das helle Stimmchen plappert…

Das Wissen, dass man vielleicht nicht mehr lange genug leben könnte, um das noch einmal zu erfahren, zu sehen, lehrt uns, schnell zu sehen, solange das Licht anhält und uns das Glück des aufgespürten Schatzes noch beflügelt.

Besitzen kann man solche Momente nicht. Sie liegen tief im Herzen, dort, tief im Süden, wohin kein Schiff fährt …

Bedauernswert solche Menschen, die meinen, sie könnten ihre Schätze mit Geld erwerben und horten. Sie erlangen nur totes Material, das sie mit sich herumschleppen und dessen Zauber schon nach kürzester Zeit erlischt. Sie sind wie die alten Seefahrer, die zwar die Breitengrade kannten, um einen Kurs zu berechnen, aber nicht die Längengrade, um ihre Position zu bestimmen. Die Gegend in unserem Herzen, tief im Süden, wohin kein Schiff fährt, lehrt uns das Gefühl, schnell hinzusehen und uns den Moment zu bewahren, um einen Schatz zu heben.

(c) Weinbörner 2016