JANUAR 2016

JANUAR 2016

Möglichkeiten/Befindlichkeiten/Wegkreuzungen:

 

 

Ein neues Jahr /

In Zeiten, wie diesen

Feiern wir uns für unsere Aufklärung, unsere Abklärung, unsere humanistischen und demokratischen Ideale. Dafür, dass Familienförderung eine Staatsaufgabe ist und Frauen sowie gleichgeschlechtlich Orientierte zunehmend emanzipiert und Behinderte immer besser integriert und gefördert werden. Stoßen wir auf die Werte an, die uns auf diesen Wegen zuwachsen. Genießen wir den Wohnkomfort, unseren Frieden, dass wir uns noch etwas leisten können wie den Sozialstaat. Freuen wir uns mit den glücklichen Rentnern, die noch in guten Lokalen speisen und anspruchsvolle Bücher lesen.

Doch täuschen wir uns nicht, wenn wir auf jene setzen, die vollmundig unseren bedrohten Frieden schützen und auf den Schrecken der Attentate mit Bomben antworten wollen. Erkennen wir, wenn jene Menschen, die uns außer sich vor Verzweiflung, Wut, Hass und Hoffnungslosigkeit, Verwahrlosung und Entwurzelung die Türen einrennen, und man mit starker staatlicher Hand nur mit Anfeindungen, Ausgrenzung und Ausweisung reagieren will, dass wir letztendlich den Gang der Geschichte nicht aufhalten. Solche aus der Hilflosigkeit geborenen Reaktionen legen allenfalls unsere eigenen Defizite offen.

Eine Gesellschaft muss mehr sein, als das zu verteidigende Gebiet zwischen den Staatsgrenzen. Mehr, als die Antworten, die aus Wirtschaftswachstumszahlen und den Angaben zur Straßendichte bestehen, die Orte verbindet. Schreckliche Anschläge und Flüchtlingsströme entblößen den in unserer Gesellschaft vorherrschenden Hyperindividualismus, der durch die Freiheitssucht des Einzelnen gespeist wird, quer durch die Instanzen, seine individuelle Entfaltung gesichert zu leben. Nicht fassungslos vor Entsetzen über Selbstmordattentäter sollten wir danach fragen, was diese nur zu solchem Wahnsinn treibt, sondern interessieren sollte uns:

Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was verbindet uns? Diesen Fragen können wir nicht allein mit der Verteidigung materieller Werte und individueller Freiheiten und Fähigkeiten gerecht werden. Unsere militärische und wirtschaftliche Überlegenheit entlarvt gleichzeitig unsere metaphysische Leere. Wir haben Gott, der Religion und der Kirche in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr eingeräumt, kennen sonntags die Wege, schneidig an den Gotteshäusern vorbei, und sind uns nicht einmal mehr bewusst, was wir dadurch endgültig verlieren. Dort, wo eine individualistische Basis das Leben eines Jeden in der Gesellschaft prägt, schwinden kollektive Solidarität und gemeinsame, identitätsstiftende Werte.

Uns ist es nicht gelungen, mit der Verbannung der christlichen Religion nicht nur aus dem Staat, sondern auch aus unserem privaten Umfeld, etwas anderes Sinnstiftendes, Gleichwertiges an diese Stelle zu setzen. Wir driften ab, vereinsamen und verlieren unsere gesellschaftliche Identität und Solidarität. Tatsächlich könnten, ja, sollten wir erschrecken. Individualisten haben nicht nur keinen Glauben, am Ende haben sie auch keine Familie und keine Kinder. Kommt ihnen dann noch ihre Gewissheit der sozialen, militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit abhanden, wachsen in ihren Reihen – dies lehrt die Geschichte – Armeen, Waffen und der nötige Extremismus für eine gewalttätige Gesellschaft.

In Zeiten, wie diesen, sollten wir erkennen, dass wir Kinder eines christlichen Glaubens und Ursprungs sind. Diese Wurzeln nähren sich aus Grundwerten, die über Jahrtausende Bestand haben und alle Irrtümer, Irrungen und Führungen von Kirchen und deren zu verantwortende Missbräuche überdauern konnten. Unsere Existenz ist, ob wir das nun wollen oder nicht, in unseren Wurzeln christlich und humanistisch geprägt. Wir sollten uns gemeinsam hinsetzen, den großen Gesten der Politik und der Bombenvergeltung misstrauen, und angesichts des himmelschreienden gewalttätigen Unrechts, dass die Welt im Übrigen quält, Gemeinsamkeiten finden, Brücken schlagen und aus einer gemeinsamen christlichen Tradition heraus Vorbild sein. Es gibt nichts zu bewahren, nichts aufzuhalten, in dem wir uns individualistisch hinter materiellen Werten und hinter Außengrenzen verschanzen und zurückschießen. Nur sinnstiftende Gemeinsamkeit und eine überzeugend gelebte Vorbildfunktion werden uns in Europa davor bewahren, in unsensible, gewalttätige Gesellschaften einzelstaatlicher nationaler Prägung auseinanderzufallen. In Zeiten, wie diesen, sollten wir erkennen, dass wir dabei sind, etwas Wertvolles endgültig zu verlieren, obwohl wir von unseren Vorvorfahren reich beschenkt wurden und auf große Erfahrungswerte zurückgreifen könnten.

Stecken wir unser Geld, unsere Fähigkeiten in die Sozialarbeit, in die Entwicklung emotionaler und kommunikativer Kompetenzen, brechen wir die Ghettomentalität auf, die aus der Plan- und Ratlosigkeit erwächst. Auch Gleichgültigkeit kann eine Art von Gewalt sein, die irgendwann zurückschlägt. Arbeiten wir an grenzüberschreitenden Konzepten, verschwenden wir Geld für Bildungsangebote ohne Ende, für unkonventionelle Förderungen, fördern wir Arbeitsplätze, schaffen wir Perspektiven, wo Perspektivlosigkeit herrscht. Schenken wir Vertrauen und glauben wir bedingungslos an die Zukunft unserer Kinder, integrieren wir gerade dort, wo andere ausgrenzen und nehmen Menschen mit gelebter Nächstenliebe für uns ein. Zum Beispiel, indem wir auch privat Verantwortung für die Gesellschaft, in der wir leben, übernehmen und das, was wir entbehren können, an jene verschenken, die es nötig haben. Sind wir bereit zu teilen und uns gemeinsam zu freuen und definieren wir das, was christliche Wurzeln heute ausmachen könnten, neu …

[P.S. Ich weiß, dass auch ich Nachholbedarf habe, in Zeiten, wie diesen...]

(c) Udo Weinbörner

 

Texte für eine undichte Zeit/Gedichte:

 

All diese Bücher, wie sie geschwätzig miteinander zu reden beginnen,

sobald die Leser sie aufschlagen und einen Blick hinein werfen,

wie keines ohne das andere sein kann,

mag es noch so bedeutend daherkommen

oder verstohlen aus der Resterampe blinzeln.

Manchmal höre ich sie reden,

wie sie mich nicht antworten lassen wollen -

und dann verstehe ich mein eigenes Wort nicht mehr.

Schließlich erschrecken sie über ihre Eitelkeit,

fürchten sich vor dem Vergessen und dem weißen Blatt Papier

und flüstern mir Dinge zu,

die mir am Ende sowieso niemand mehr glaubt,

bis. ja bis ich sie aufschreibe.

(c) Weinbörner 2016