GOETHE SCHILLER & COMPANY

 

UDO WEINBÖRNER

GOETHE, SCHILLER & COMPANY

ERZÄHLUNGEN

Horlemann Verlag 2011, Paperback, 131 Seiten, 5 schw.-w. Abbildungen, 9,90 €

Geschichten aus der Literaturgeschichte über Goethe, Schiller, Georg Büchner, Bettina von Arnim, Heinrich Heine

 

ISBN 978-3-89502-316-3



Eifersucht und Eitelkeit, Liebesrausch und Hass,

Revolution und Biederkeit…, Stoffe, aus denen die

Menschen sind, die in fünf Erzählungen von ihren

Denkmalssockeln geholt werden. Hier wird verraten,

was Sie in der Deutschstunde schon immer

wissen wollten, Ihnen aber verschwiegen wurde.

Es wird mit hohen Einsätzen gezockt, auf Teufel

komm raus geliebt und betrogen, es fliegen die

Fäuste und die Zitate. Unglaubliche Begebenheiten

aus dem Leben von Goethe und Gattin Christiane,

Schiller, Achim und Bettina von Arnim, Georg

Büchner und Heinrich Heine.

Mitreißend – ein absolutes Lesevergnügen!

 

 

 

 Leseprobe:

L’Hombre Morte

Die Welt ist klein, sie schrumpft auf einen Schädel. Das ist die Wirklichkeit, wenn die Seele den Zins nicht mehr bezahlt und die Vergänglichkeit das Fell von den Knochen zieht. Der Alte schob einen Haufen Taler in die Mitte des Tisches. Schwabe blickte ihn fragend an. „Ihr Einsatz, Schwabe!!“ Er verstand nicht. „Sie wollen spielen?“ „L’Hombre hieß Schillers Lieblingsspiel, schon als er Eleve in herzoglicher Knechtschaft war.“
Schwabe verweigerte sich. Auch Goethes Rotwein stimmte ihn nicht gewogen.
„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt – auch so ein Schiller.“ Goethe schüttelte den Kopf, als habe ihm jemand Essig in den Wein geschüttet. Er deutete auf den Sack zu Schwabes Füßen. „Wir teilen die Taler. Gewinnt er, soll er das Denkmal haben. Verliert er, gebühren die Knochen mir. Nur ein Spiel oder gar ein Gottesurteil?“ Erneut dem Rotwein zusprechend, forderte er Schwabe auf, zu mischen und auszuteilen.
Der vereinsamte Rat, der nachts beim Wein die Karten traktierte, war in Weimar längst mehr eine Legende vergangener Tagen als das göttliche Genie, dem man andernorts huldigte. Schwabe wägte seine Chancen ab, dieses Spiel um Schillers Angedenken zu gewinnen. Doch wer war der Dritte? Dumpfe Schläge gegen die Haustür. Schwabe öffnete, da der Hausherr dazu nicht mehr in der Lage schien. Die Runde war komplett – es offenbarte sich, bei wem der Totengräber Bielke seine Spielschulden hatte. Schwabe mischte die Karten, ließ links abheben und verteilte an jeden Spieler neun Blätter in Würfen zu je drei Karten. Dreizehn Karten legte er als Talon in die Mitte.
 
Am Morgen des 13. März 1826 hatte es geschneit und der Jakobsfriedhof in Weimar lag unter einer dünnen, fleckigen Schneedecke. Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe, der die Arbeiten persönlich beaufsichtigte, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Totengräber Bielke und sein Gehilfe Kessler den Moment der Graböffnung am liebsten noch weiter hinausgezögert hätten. Auch dem das Direktorium der Fürstlichen Landschaftskasse vertretenden Beamten, Kassen-Registrator Stötzer, schienen Anlass und Termin äußerst unwillkommen zu sein. Er zog den Pelzkragen seines langen Mantels hoch in den Nacken, blies warme Atemluft in die gefrorenen Hände und warf dem Bürgermeister fragende Blicke zu. Keiner sprach ein Wort, und dies mochte, so dachte Schwabe, nicht zuletzt damit zu tun haben, dass sich jeder auf seiner Art seinen eigenen Versäumnisse in dieser Angelegenheit bewusst war.
Die Arbeiten zogen sich jetzt schon über eine Stunde hin. Schwabe begann, sich die Beine zu vertreten. Er schritt zwischen Kirche, Sakristei und dem rokokoartigen kleinen Tempel des Landschaftskassengewölbes mit seinen Pilastern, Wand- und Giebelverzierungen, der sich in der nordöstlichsten Ecke des Jakobsfriedhofs befand, hin und her. Von Zeit zu Zeit blieb er vor dem schmiedeeisernen Tor zum Kassengewölbe stehen, um den Fortgang der Arbeiten festzustellen.
In weiten Bögen flog eine Krähe um den Turm der Jakobskirche. Das schwarze Gefieder glänzte in der kalten Sonne. Bürgermeister Schwabe legte den Kopf in den Nacken und blickte zum Kirchturm empor. Von dort starrte mit unbewegter Miene der Küster zu ihnen herunter, der oben in der Nähe der Glocken seine Wohnung hatte. Mit dem Pfarrer gesprochen hatten die Herren vom Direktorium der Fürstlichen Landeskasse, der diese Begräbnisstelle gehörte, in der jene Personen gegen eine geringe Verwaltungsgebühr bestattet wurden, die durch Geburt oder Stellung oder besondere Verdienste einen höheren Rang in der Bewohnerschaft Weimars einnahmen, nicht vermögend waren und keine eigene Erbbegräbnisstätte besaßen. Für Carl Leberecht Schwabe war es über all die 21 Jahre ein Skandal geblieben, dass man Schiller in diesem Armen- und Massengrab für Bessergestellte, wie der Bürgermeister dies im Familienkreis inoffiziell nannte, anonym ohne jede Gedenktafel dem Vergessen überantwortet hatte. Da mussten schon Körner aus Dresden, die von Kalb aus Berlin und Streicher aus Wien mit ihren in der herzoglichen Verwaltung gefürchteten Brandbriefen, ja sogar der bayerische König Ludwig und der Württemberger Hof intervenieren, damit man hier in der Weimarer Provinz überhaupt ein schlechtes Gewissen bekam. Die deutschen Theater spielten erhebliche Summen ein, um dem großen deutschen Dichter in Weimar ein Denkmal zu finanzieren, sogar Spenden aus dem Ausland trafen ein, doch am Weimarer Hof gab man sich unentschlossen. Über Ruhm und Nachruhm wurde hierzulande in besonderen Zirkeln entschieden – und Schiller schien zumindest nicht der Liebling dieser Damen und Herren zu sein. Schwabe hatte nur auf eine Gelegenheit wie diese gewartet, um kraft seines Amtes die Widerstände dieser Kreise zu überwinden und Schiller ein angemessenes Gedenken zu sichern.
„Lassen Sie ihn doch“, brummte Stötzer missmutig, als er bemerkte, wie Schwabe seinen Blick wieder himmelwärts schickte. „Der ist kurzsichtig wie eine Schleiereule, sieht doch eh nix.“ „Reden wird er halt! Sein Maul wird er nicht halten. Und das hier liefert Gesprächsstoff!“ Schwabe blies wütend Tabakwolken aus seiner Pfeife. „Wir inspizieren heute das Gewölbe, finden diesen Schiller und fertig“, Stötzer mochte nicht diskutieren. Ein schöner Kassen-Registrator war das, der eine Bestattung nach der anderen anordnete und die Übersicht darüber verlor, wie viele Tote tatsächlich im Kassengewölbe lagen! Es würde nichts schaden, auch mal seine Bücher prüfen zu lassen... „Er wird reden.“ Schwabe deutete nach oben und der Totengräber Bielke blickte sich bekreuzigend zum Himmel und sagte schlicht: „Der kommt doch nicht runter.“ „Wenn er sich interessant machen kann...“, Schwabe verspürte tatsächlich ein Unbehagen im Bauch.
Schweren Schrittes stapfte der Gehilfe des Totengräbers über die Gräber zur Rückseite des Gewölbes und suchte dort einen Busch, um seine Hose zu Boden zu lassen und sich zu erleichtern. Die sind wirklich nicht zart besaitet, dachte Schwabe.
Von der Jakobskirche schlug es vier, als das Gewölbe vollständig geöffnet war. Der Gestank trieb die Männer in die Flucht. Am Grab von Goethes Frau Christiane schöpften sie Atem und diskutierten.
Stötzer schickte den Totengräber eine Leiter holen. Der Gehilfe legte Pechfackeln bereit. Als sie die Leiter in die Gruft gestellt hatten, riet Bielke zuzuwarten, die Faulgase der Verwesenden seien der Gesundheit nicht zuträglich. Schon machten Stötzer und der Gehilfe Anstalten, sich zurückzuziehen. Aber Schwabe hielt sie auf, verlangte, dass man sofort hinabsteigen solle. Die Fackeln warfen kantige, lange Schatten. Als Erster griff sich der Totengräber eine Fackel, verschwand Stufe um Stufe in der Gruft. Es folgten der Gehilfe und Stötzer. Zuletzt Schwabe, sichtlich bemüht, so wenig wie möglich zu atmen.
Der unerträgliche Gestank war aber rein gar nichts gegenüber dem grauenhaften und entsetzlichen Anblick, der sich Schwabe jetzt im Schein der Fackeln bot. Dicht gedrängt standen die Männer in der Nähe der Leiter beisammen, wagten kaum, sich zu rühren, um nicht auf irgendeinen Toten zu treten. Särge in der Reihenfolge der Beisetzung gab es nicht. Bis auf zwei waren sie eingefallen. Trümmer, vermischt mit verwesenden menschlichen Überresten. Einzelne Gebeine, gewaltsam aus ihrer sie umgebenden Hülle gerissen, lagen verstreut umher. Dicht gedrängt standen die Männer in der Nähe der Leiter beisammen.
„Bielke, was um Himmels willen...“, weiter kam Stötzer mit seinem Entsetzensschrei nicht mehr, da stürzte er zur Leiter und verschwand in der jetzt auch auf dem Friedhof einsetzenden Dunkelheit. Unten hörten sie sein Röcheln zwischen dem immer neu einsetzenden Würgen, mit dem er sein Erbrechen nicht länger zurückhalten konnte. Schwabe setzte sich auf die Leitersprossen und gewann durch eifriges Pfeiferauchen die Beherrschung wieder. Totengräber und Gehilfe blickten zu Boden. Falschspieler sind keine ehrbaren Kirchgänger, dachte Schwabe und wünschte den Büttel herbei.
Der Totengräber und sein Gehilfe richteten ihren Blick schuldbewusst zu Boden. Sie schienen aber weder überrascht von dem Vorgefundenen, noch wirklich betroffen über die Zustände der Leichen.
 
Hauptspieler ‚Hombre’ wurde Goethe, der lärmend mit Bielke das Haus schlaflos machte. So sei es, dachte Schwabe, stehe ich mit dem Totengräber gegen den Alten, der ungerührt weitersoff und die Figur einer Frage spielte, seine schlechten Karten auf den Tisch warf und vom Talon andere nahm. Er hat keine Angst, stellte Schwabe fest. Ob er schon jemals verloren hat?
Tatsächlich strich er mit den Worten: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“ gut gelaunt die Taler für die Runde ein.
Bielke, dem Spieltrieb verfallen, kippte den Wein und hielt die nächtliche Runde in jedem Fall für einen Gewinn. Schwabe bot, biss sich auf die Lippen und spielte mit einem Faustschlag das Treff-Ass, die Basta – und gewann zurück.
 
„Kommen Sie wieder runter, Mann!“ schrie Schwabe dem Kassen-Registrator zu. „Dies hier fällt in Ihre Zuständigkeiten! Schreiben Sie das auf, was wir hier vorfinden! Das ist ja ungeheuerlich!“ Und tatsächlich leistete der kreidebleiche Stötzer dem Befehl des Bürgermeisters Folge, der ihm unten an der Leiter bereitwillig Platz machte. Gemeinsam unternahmen sie jetzt den Versuch, in dem 3,10 mal 2,50 Meter großen Gewölbe Schillers Sarg ausfindig zu machen. Rasch stellten sie fest, dass sich nicht die Särge aller in der Gruft Bestatteten mehr hier befinden konnten. „Wie viele Bestattungen hat Ihr Direktorium für das Kassengewölbe angeordnet? Das ist ja ungeheuerlich!“ empörte sich Schwabe. „Nach gestriger Prüfung der Akten wohl so 64“, die gequälte Antwort von Stötzer. „Hier haben doch höchstens 25 Särge Platz! Mein Gott, wie soll ich da Schiller finden!“ Wut, Verzweiflung und Ekel übermannten den Bürgermeister. Kaum griff er nach den Brettern eines Sarges, zerfiel das in der Feuchtigkeit morsch gewordene Holz in unkenntliche Bestandteile und schickte weitere halb verweste Leichenteile zu Boden. Schwabe riss Stötzer die Fackel aus der Hand, um nach den Särgen mit eingravierten Namen zu suchen. Aber selbst die Metallschilder waren bis auf zwei verrottet und zerfallen – und die gehörten zu einem Hofchirurgen, der 1790 gestorben war und einer von Eggloffstein, wer immer die Dame auch gewesen sein mochte. „Was haben Sie sich nur dabei gedacht, Stötzer!“ In seiner Hilflosigkeit stammelte der Kassen-Registrator: „Ich bin noch nie hier unten gewesen. Nicht einmal ist mir eine Beschwerde zu Ohren gekommen. Bielke ist ein zuverlässiger Totengräber.“
„Das können doch unmöglich alle Särge sein, auch wenn fast alles hier verrottet ist! Wo ist der Rest? Rede er, Mensch!“ fuhr Schwabe den Totengräber an und trat ihm gefährlich nah unter die Augen. Dabei spürte er auf unangenehme Art und Weise, wie der Boden unter seinen Füßen weich nachgab. „Es blieb einfach zu wenig Platz für die vielen Anordnungen“, stammelte der Totengräber. „Da musste ich einzelne Leichen untergraben. Ich habe Platz geschaffen.“ Der Totengräber deutete auf den Boden und die Wände und Schwabe folgte mit dem Schein der Fackel den Fingerzeigen. Was also die Zeit und die Fäulnis hier nicht vernichtet hatten, das hatte der in dieser Unterwelt einzig, allein und allmächtig herrschende Totengräber aus den Särgen gezerrt, kleingeschlagen, auf den Haufen gezerrt und vergraben. – Und solches geschah, um Nachfolgenden hier die letzte Ruhestatt zu bereiten! – Schwabe erschauderte und macht einen raschen Schritt zur Leiter hin, wo ihm der Boden fester schien. „Erkläre er sich zu den fehlenden Särgen!“ schrie Stötzer den Totengräber an. Dieser aber schwieg beharrlich. Stötzer griff ihn mit beiden Händen an dem schwarzen Mantel und schüttelte ihn. „Was ist mit den Särgen dieser armen Menschen, die er hier vergraben hat? Rede er endlich! Ich überantworte ihn und seinen Gehilfen dem Kerkermeister!“
Kerker schien das Stichwort für den Gehilfen Veit Kessler zu sein, der jetzt freimütig bekannte: „Die Särge...heimlich...in Jena und Gotha verkauft.“ „Spielschulden... Unsereins hat nur wenig Vergnügen in der Welt“, so der falschspielende Totengräber. „Du Lumpenhund! Das wird ein Nachspiel haben!“, tobte jetzt Stötzer, dem alsbald aber Gestank und Anblick der Leichen wieder den Atem nahmen und der sich erneut nach oben entfernen musste, um sich zu übergeben.
 
„Glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!“ schrie Goethe aus Leibeskräften, als er die dritte Runde hintereinander verlor und mit vollem Risiko zwei Mal hintereinander die Obscurs spielte, indem er acht Karten wegwarf und vom Talon neue zog. Seinen Sieg machte er mit einer Spadille, dem Pik-As perfekt. „Ein jeder gibt den Wert sich selbst.“ Schwabes Spielgeld, ein kümmerlicher Rest. Der Liebling der Götter warf gut gelaunt die Karten in die Runde und Bielke lallte.
 
Gegen Mittag des nächsten Tages stellten sie im kalten Licht der Märzsonne vier Skelette in geöffneten Särgen vor der Sakristei ab. Bei zweien tat sich noch einiges Gewürm und Gekrabbel aufs Unappetitlichste gütlich. Bielke beschied fachkundig: „Unser Dichter dürfte kein Fleisch mehr am Knochen haben.“ Stötzer wandte sich enttäuscht ab, hockte sich auf einen aufgeworfenen Erdhügel und fragte: „Woran erkennt man eigentlich den toten Dichter?“ „Groß gewesen ist der Schiller“, antwortete Bielke. „Einen bedeutenden Kopf hat er gehabt“, fügte der Gehilfe an. Schwabe spürte seine Zuversicht schwinden.„Dann können es wohl die zwei anderen Knochenmänner auch nicht sein“, erklärte Stötzer schnippisch. „Drecksarbeit!“ schimpfte Schwabe daraufhin und setzte sich Pfeife paffend neben den Kassen-Registrator.
Mit den Räumungsarbeiten kamen sie am Ende dieses Tages insoweit zu einem Ende, als all das nach oben geschafft worden war, was sich noch in einem halbwegs akzeptablen Zustand befunden hatte. Jetzt hielten Kessler und zwei Helfer Neugierige und empörte Anwohner, sogar Bürger aus der Stadt vom Friedhof und dem Kassengewölbe fern. Das Stimmengewirr und die derben Kommentare waren auch von den in sicherer Entfernung sitzenden Schwabe und Stötzer nicht zu überhören.
„Wie es scheint, hat er Schillers Sarg auch zu Geld gemacht“, sagte Schwabe resigniert. „Nicht, dass ich wüsste“, antwortete der so angesprochene Bielke. „Immerhin sind 21 Jahre eine lange Zeit.“ „Er meint, der Sarg könnte auch zerborsten und verrottet sein?“, fragte Stötzer. „Dann jedenfalls müssen wir unser Vorgehen überdenken. Die Suche nach einem Sarg ist nicht ganz dasselbe wie die Suche nach den Gebeinen, von denen sich ja noch massenhaft viele im Grab befinden.“ Bürgermeister Schwabe wollte sich einfach nicht mit diesem blamablen Ergebnis zufrieden geben.
„Bedenken Sie nur das Aufsehen hier!“ Der Totengräber war sichtlich beunruhigt angesichts der inzwischen aufgelaufenen Menschenmenge. Einen solch öffentlichkeitswirksamen Auftritt bekam er sonst nur bei Beerdigungen. Er hat wohl mehr Angst davor, von den Bürgern zur Rechenschaft gezogen und davongejagt zu werden, als vor den Vorwürfen durch die Stadt oder die Kassenverwaltung, folgerte Schwabe, der sich seit dem Vortag so seine Gedanken über den Totengräber und seinen Berufsstand machte. Es geschah ihm recht, dass er in Sorge war! „Hätte er sich nicht so viel angemaßt, würden wir jetzt nicht in solchen Schwierigkeiten stecken“, entgegnete Schwabe, hatte aber ein Einsehen. Man unterbrach die Arbeiten, sperrte den Friedhof und stellte Wachen auf.
In der folgenden Nächten tauchten die Petroleumlampen zur mitternächtlichen Stunde das Landschaftskassengewölbe in ein goldgelbes Licht. In der Luft vermischte sich der saure Geruch von Moder mit dem alles durchdringenden süßlichen Geruch der Verwesung. Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe saß auf den obersten Sprossen der Leiter, wie stets eifrig starken Tabak verrauchend, und sorgte für ausreichendes Licht, indem er eine der Petroleumlampen an einem langen Stock befestigt hierhin und dorthin führte. Seine halblaut gesprochenen Anweisungen wurden unten in der Gruft vom Totengräber Bielke und seinem Gehilfen Kessler ausgeführt, die mit Schaufeln und Hacken die ekelerregende Arbeit verrichteten, Skelette und halb verweste Gebeine freilegten und Stück um Stück am Fuß der Leiter ablegten, schließlich übereinander schichteten, wo die sterblichen Überreste in ihrem erbarmungswürdigen Zustand eingehend betrachtet und bewertet wurden. Oben vor dem schmiedeeisernen Tor des Landschaftskassengewölbes lagen auf einem großen weißen Tuch ausgebreitet und von einem schwachen Windlicht beleuchtet die geborgenen menschlichen Überreste, die an einem anderen Ort einer späteren eingehenderen Begutachtung bei Tageslicht unterzogen werden sollten. Dabei handelte es sich vornehmlich um menschliche Schädel und solche Gebeine, die man anhand der an ihnen befindlichen Kleiderreste der Zeit Schillers zuzuordnen gedachte.
Am dritten Grabungstag um 3 Uhr früh stieg Schwabe ein letztes Mal hinab. Ihn schwindelte vor Müdigkeit. Anerkennend klopfte er Bielke und Kessler auf die Schulter und ließ eine Flasche guten, starken Schnaps kreisen. Der Totengräber versicherte ihm noch einmal, dass sie ganz sicher alle Toten gefunden hätten, die man in den letzten dreißig Jahren im Kassengewölbe bestattet und vergraben hätten. Schwabe hielt die Laterne in Gesichtshöhe. Selbst wenn sie den einen oder anderen Toten übersehen hätten, die Männer waren völlig übermüdet. Eine Fortsetzung der Suche machte zum jetzigen Zeitpunkt keinen Sinn mehr. Außerdem war die Angelegenheit drei Tage gut gegangen. Warum sollte er starrsinnig das ganze Unternehmen jetzt noch gefährden, indem sie sich Ärger höheren Ortes einhandelten und er neben all den zu erwartenden Unannehmlichkeiten auch die sichergestellten Schädel und Gebeine wieder in dem Gewölbe versenken müsste, ohne sie daraufhin prüfen zu können, ob es sich um Schiller handelte. Nein, sie alle hatten sich genug zugemutet! Das Gewölbe musste noch verschlossen und die Funde mussten zu ihm nach Hause geschafft werden. Er gab Anweisungen. Die beiden Männer schienen erleichtert. Er überließ ihnen die Schnapsflasche, die Bielke sorgsam verkorkte und in einer der tiefen Taschen seines langen, schwarzen Mantels verschwinden ließ.
Schwabe ging mit einer Handlaterne in die Jakobskirche. Auf dem Altar brannten zwei hohe Kerzen. Er griff nach einem großen Buch, das dort aufgeschlagen lag und das der Bürgermeister als das Totenbuch der Jakobskirche erkannte. Unvermutet, aus einem dunklen Schatten heraus, trat der Küster neben ihn. Schwabe ließ sich sein Erschrecken nicht anmerken, blätterte in dem Buch und las dann laut vor: „Der Hochwohlgeborene Herr, Herr Dr. Carl Friedrich von Schiller, Fürstlich Sachsen-Meiningischer Hofrat wurde Sonntags, den 12. Mai, des Nachts 1 Uhr mit der Ganzen Schule, erster Klasse, à 24 Taler 12 Groschen 3 Pfennig in das Landschaftskasse-Leichengewölbe beigesetzt, die gewöhnliche Leichenrede aber wurde erstlich nachmittags 3 Uhr von Seiner Hochwürdigen Magnifizenz dem Herrn Generalsuperintendent Vogt, in der St. Jakobskirche gehalten und dabei von Fürstlicher Kapelle das Requiem von Mozart aufgeführet.“ Er schlug das Buch zu. „Und dabei mochte er Mozart nie besonders“, sagte der Küster schlicht. „Bach, ja das wäre schon was anderes gewesen…“ Schwabe wunderte sich sehr über diesen einfachen Mann, versuchte ihm ins Gesicht zu blicken, doch im Halbdunkel nahm er nur den ruhigen, selbstsicheren Blick seines Gegenübers wahr. „Er ist mitten in der Nacht beerdigt worden, ohne große Trauerfeier. Ich weiß sehr wohl, wie sehr ich mich selbst noch um ein würdiges Begräbnis bemüht habe“, erinnerte sich jetzt Schwabe. „So ist es. Und dafür sollte niemand nachträglich die Ruhe der Toten stören“, unterbrach ihn anmaßend und scharf der Küster, blies die Altarkerzen aus und ging nach draußen.
Schwabe folgte ihm kurze Zeit später, nahm sich vor, diesen Kerl mal vorladen zu lassen. Er spähte über das Friedhofsgelände und noch einmal die Todtenstraße hinunter, entdeckte aber keine Spur vom Küster. Die Straße lag verlassen und stockfinster vor ihm. Bielke und Kessler würden die nach oben gebrachten Leichenteile in die Sakristei schaffen und ihm die Schädel, zweiundzwanzig an der Zahl, sorgsam in Leinentüchern eingeschlagen und in einem großen Kartoffelsack geborgen, nach Hause bringen. Der Bürgermeister fühlte sich zufrieden und trat den Heimweg an. Schwabe brauchte auch hier auf den schlechten Wegen in der Jakobsvorstadt kein Licht. Er kannte jede Unebenheit des Weges und ging zielsicher auf den Langen Graben zu, der in die Stadt führte.
„Geheimrat von Goethe wünscht Schillers Kopf zu sehen. Um Mitternacht im Haus am Frauenplan.“ Professor Riemer, Goethes Sekretär, lächelte hintergründig. „Wenn Sie schon so genau informiert sind, verehrter Riemer, es gibt zweiundzwanzig Schädel. Suchen Sie sich einen aus, den Sie präsentieren möchten.“ Schwabe mochte den Kerl nicht. Die Schädel geordnet auf dem Küchentisch. Riemer griff nach Schillers Totenmaske und verglich die Proportionen der Knochen mit den totenstarren Gesichtszügen. Ein Spiel mit der Wahrheit. Sie entschieden sich für die beiden größten Exemplare: Schiller, das Genie... Riemer verbeugte sich, setzte seinen Hut auf.
„Um Mitternacht am Frauenplan. Herr von Goethe bittet Sie ausdrücklich, Herr Bürgermeister. Sie werden ihn allein antreffen und können den Schädel auch einstweilen wieder mit nach Hause nehmen. Stillschweigen wird vorausgesetzt. Kommen Sie bitte ohne Begleitung.“
Schwabe wusste sehr wohl, dass der Wunsch eines Geheimrates auch für einen Bürgermeister einem Befehl gleich kam, packte Sack und Schädel und schlich kurz vor Mitternacht oberhalb des Parks an der Ilm entlang und vorbei an dem Grünen Schloss, der Bibliothek der Herzogin Anna Amalia, von hinten in die Stadtstraßen Goethes Wohnhaus ‚Am Frauenplan‘ zu. Im ersten Stock brannte noch Licht. Inständig hoffte Schwabe, dass er sofort auf den Geheimrat treffen und ihm umständliche Erklärungen dessen Sohn August gegenüber erspart bleiben würden. Er bediente den Türklopfer des Eingangs an der ‚Seifengasse‘ und wartete mit seltsamen Gedanken und dem Jutesack in der Rechten.
Tatsächlich öffnete August im Nachthemd und fuhr den völlig überraschten Bürgermeister derartig an, dass dieser nur stocksteif dastand und kein Wort herausbrachte. Dann schlug er die Tür zu, dass die Scheiben klirrten und ließ Schwabe für einen Moment ratlos auf dem ‚Frauenplan‘ zurück. Gerade als der Bürgermeister verärgert und erleichtert zugleich den Heimweg antreten wollte, öffnete sich die Tür erneut und Goethe selbst bat ihn herein. Zielstrebig griff der greise Dichter nach dem Jutesack. „Ich hoffe, er hat meinem Freund bei seinen Grabungen keinen Schaden zugefügt.“ Mit der linken Hand stützte sich Goethe auf das breite Holzgeländer und nahm schwerfällig die Stufen in das obere Stockwerk. „Na, so komm er schon. Er soll mit mir anstoßen auf den großen toten Dichterfürsten, den wir hier im Sack haben.“ Goethe lachte laut auf, wie über einen guten Witz. „Großartig hat er das gemacht! Nun ziere er sich nicht weiter und stoße an!“ Goethe ging voraus und Schwabe folgte ihm durch eine grade großzügige Zimmerflucht im ersten Stock des Hauses.
Vor seinem Schreibtisch packte Goethe den Schädel hastig aus und warf den Jutesack in die Ecke. Schwabe, peinlich berührt von dem erbarmungswürdigen schmutzigen Zustand des Schädels, versuchte sich noch in einer Entschuldigung, aber Goethe beachtete ihn nicht weiter, stellte den Schädel mitten auf den Schreibtisch und entzündete eine Kerze daneben. „Sie werden ihn weiter begutachten wollen, nicht?“ Goethe füllte Schwabe ein Rotweinglas und rückte ihm einen Stuhl zurecht. „Großartig gemacht hat er das! Wirklich, er weiß gar nicht, wie ich mich freue, meinen Freund wiederzusehen.“ Wieder lachte der alte Dichterfürst laut auf.
Schwabe wurde unheimlich zumute, denn er verstand die Reaktion des Geheimrates nicht recht zu deuten und mochte die Atmosphäre, die dieser Schädel dort auf dem Schreibtisch im Schein der Kerze verbreitete, absolut nicht. Goethe setzte sich jetzt auf seinen Stuhl vor den Schreibtisch und stierte dem Schädel in die leeren Augenhöhlen. Er trank hastig aus einer Rotweinflasche, die er nicht aus der Hand nahm, lachte und seufzte abwechselnd, trank wieder und stierte weiter.
„Ich liebe seine Dramen. Er hatte etwas Unbändiges, etwas Wahrhaftes! Er ist viel zu früh gestorben. Ich denke, wir alle hätten noch Großes von ihm erwarten dürfen.“ Schwabe sprach wie zur Verteidigung Schillers, obwohl diesen doch niemand anklagte.
„Ein Feuerkopf, sag ich ihm! Ständig loderten ihm neue Ideen. Von ihm ging was aus, das selbst meinem Ruhm hätte gefährlich werden können...“, dann trank Goethe wieder, lachte, griff dem Schädel an die Kinnlade und bewegte diese. „Ich habe anfänglich deswegen sogar den Kontakt gemieden. Aber einer starken Persönlichkeit kann man nicht wirkungsvoll mit Ignoranz begegnen. Man muss seine Freunde und Gegner kennen – und manchmal, glaube er mir, lassen sich diese kaum voneinander unterscheiden.“ So ging das eine gute Weile fort, und Goethe schien schon ganz vergessen zu haben, dass ihm Schwabe mit einem leeren Weinglas im Arbeitszimmer gegenübersaß. Der Dichter zeigte erste Anzeichen von schwerer Trunkenheit und legte seinen Kopf ein ums andere Mal auf die Schreibtischkante. Dann schreckte er plötzlich auf, glotzte den Bürgermeister mit glasigen Augen an: „Weiß er, dass er durchaus Ähnlichkeit hat mit Friedrich? Ich meine, wenn er so pathetisches Zeug daherredet, die Welt verbessern möchte...“
Schwabe schwieg. Wenig später hielt ihm Goethe die Spielkarten hin. Sie alle wurden Opfer dieses von langer Hand vorbereiteten Schachzuges.
 
Ohne Erklärung deckte Goethe Karte um Karte auf. Es fanden sich zu viele Forcen, die Könige der Farben, die nicht Trumpf waren, im Spiel. Dann zog er aus Bielkes Ärmelaufschlag ein Ponte, ein Herz-As. „Das ist eben der Fluch der bösen Tat, dass sie, fortzeugend, immer Böses muss gebären.“ Die Schädel stellte er nebeneinander auf einen Tisch, eine Kerze daneben. „Wir müssen die Schädel weiter begutachten lassen?“ Er nahm die Totenmaske und verglich. „Dieser kommt mir vertraut vor...“ Goethe füllte Schwabes Weinglas. „Großartig! Wirklich, wie ich mich freue, meinen Freund wiederzusehen.“ Dem ausgewählten Schädel in die Augenhöhlen stierend, trank er hastig, lachte und seufzte abwechselnd. „Er hat sich für Schillers Begräbnis eingesetzt, war der Familie eine Stütze. In solchen Dingen bin ich nicht gut. Das weiß ich wohl. Mache er mir daraus keinen Vorwurf.“ Goethe griff dem Schädel an die Kinnlade, bewegte diese. Dann nahm er dem jammernden Totengräber das Geld. Goethe fast zärtlich: „Unser Räuberhauptmann unter Falschspielern!“ Die Schuld drückte schwer auf des Totengräbers Schultern, als er ging. Goethe klatschte in die Hände. „17 und 4 – ich gebe...“ Schwabe klammerte sich schwitzend an jedes Blatt wie ein Ertrinkender an Treibholz. Doch sein Untergang nahte unaufhaltsam.
Die Tür flog auf. August Goethe stürmte herein und drängte Schwabe hinaus. Goethe kichernd: „Jede Finte stand ihm auf der Stirn geschrieben. Hombre, ein teuflisches Spiel – hätte er Schiller mal befragt.“ Schwabe sprach von Würde. Doch Goethe hielt den Schädel in die Höhe und schrie: „Nicht das Wasser reichen wirst du mir. Prost!“ Er schüttete Rotwein über die Schädeldecke. Schwabe, unter Tränen, schwor jedem Spiel ab.
„Kalt und hohl. Ein tumbes Gefäß, nicht einmal schön gestaltet – so trag ich deinen Ruhm in Händen und meinen noch immer auf den Schultern.“ August sprang hinzu, stützte Goethe und schnauzte: „Der Bürgermeister möge jetzt gehen! Er wird zu schweigen wissen, als Ehrenmann.“ Schweigen und daran ersticken, dachte Schwabe bitter. Der Schädel war verloren.

 Denkmal vor dem Theater in Weimar als Anregung zum Buchtitel 

und in Anlehnung an die berühmte Pariser Buchhandlung "Shakespeare & Company" (Foto privat)