FEBRUAR 2018

FEBRUAR 2018

SCHREIBWERKSTATT/ROMANE SCHREIBEN:

 

Als Autor bin ich ein geschickter Lügner,

der seinen Lesern/innen ein Stück der Wahrheit näher bringt

- Romane schreiben zwischen Vergangenheit und Gegenwart –

Die Verarbeitung von Rechercheerkenntnissen bei der Nachzeichnung des wahren Lebens einer historischen Persönlichkeit ist mitunter besonderen Herausforderungen unterworfen. Hier bedarf es eines Spagats zwischen der authentischen Darstellung von Kernereignissen im Leben der Hauptfiguren und der Zusammenfassung einer Fülle, oft im Einzelnen unbedeutender Geschehnisse, die dennoch historisch gut dokumentiert sind.

Nicht selten nötigt mich die Geschichte, Entscheidungen zu treffen, die manchmal der Wahrheit oder den Zeitumständen sogar besser Rechnung tragen, als es das Sachbuch kann. Sogar mit einer erfundenen Handlung kann dem tatsächlichen zeitgeschichtlichen Geschehensablauf aus der Sicht des Protagonisten Rechnung getragen werden.

Natürlich kläre ich in jedem Nachwort meiner Romane darüber auf, was historisch korrekt geschildert wurde und was Fiktion ist. Die Offenlegung der Quellen lässt oft die Leser staunen, wie sehr die Wirklichkeit die Fiktion der Erzählung noch übertreffen kann..

Diese Ausführungen gelten für mich im Übrigen auch für den Gegenwartsroman: Die Wahrheit ist subjektiv, und sie entsteht in den Köpfen vieler durch den gestaltenden Prozess. Sie lässt sich nicht auf billige Art und Weise einfangen. Doch wie geht man als Schriftsteller mit diesem Dilemma um? Die Suche nach einem adäquaten Mittel der literarischen Gestaltung ist die einzige Lösung. Der elenden Arbeit der Verknappung und Konzentration, die über die Hälfte der Schreibarbeit ausmacht. Kill your darlings… Meisterhaft ist die Leerstelle, bei der Umsetzung des oben Gesagten. Wie sparsam gehen wir mit der Sprache um? Jeder große Künstler, Musiker zeichnet sich dadurch aus, was er bei den Improvisationen an Noten weglässt. Kein Schriftsteller von Rang bekommt Lorbeeren dafür, dass er schwafelt. Die richtige literarische Sprache: Sie ist doppeldeutig, voller Andeutungen, enthält persönliche Wertungen und führt unweigerlich zu Unzulänglichkeiten und Zweifeln. Sie vermittelt Aussagen mit Stimmungen, Deutungen mit Zweifeln, Fragen mit Gegenfragen und gleichzeitige unvollständigen Antworten.

Autoren/Autorinnen sind geschickte Lügner, die ihren Lesern/innen  ein Stück der Wahrheit näher bringen!

  1. Einerseits sind Autor und seine Literatur der Wahrheit und Wirklichkeit verpflichtet. Die Literatur lässt uns bei Gegenwartsromanen wahrnehmen, was wir begrifflich oder praktisch bereits wissen und basiert bei historischen Romanen auf den zeitgeschichtlichen Erkenntnissen der Geschichtsforschung und ist damit für den Leser lehrreich. Doch blieben die literarischen Texte auf dieser Stufe, würden wir uns allenfalls gepflegt langweilen. Es muss etwas Gestaltendes hinzukommen.
  2. Wir nehmen beim Schreiben einen Standpunkt ein, daraus folgt eine Perspektive (oder auch mehrere) und lassen den Leser (und auch uns selbst) mit fremdem Blick subjektiv auf das objektive Geschehen blicken. Erinnerungen, Erfahrungen, Gefühle entstehen. Das kann nur die Literatur, keine Biografie, keine Geschichtswissenschaft, keine Philosophie leisten dies.
  3. Damit gestaltet der Autor die Wahrheit, der sich die Literatur dennoch verpflichtet fühlen sollte, weil sie ihre Leser bereichern und nicht missbrauchen möchte.

Literatur ist eine artistische, verbale Nachahmung des Lebens durch einen unvollkommenen subjektiven Blick auf ausgewählte objektive Verhältnisse und Fakten. Literatur ist Fiktion und das Gegenteil ist nicht Wahrheit, sondern Tatsache (Faktion). Literatur lügt nicht, sondern sie sucht sich ihre eigene Wahrheit in der gewählten Art der Darstellung. Und wenn es hohe Literatur ist, kommt sie damit den zeitlosen Wahrheiten im Kern näher als jede Wissenschaft – ja, sie kann sogar zum Vordenker für die Wissenschaft werden. (->Science Fiction, The Circle, ,Robert Harris:Angst, Jules Verne)

 

(2018)  (c) Udo Weinbörner