DEZEMBER 2016

DEZEMBER 2016

Möglichkeiten/Befindlichkeiten/Wegkreuzungen/Werkstatt:

 

Zum Jahreswechsel

Auf meinem Schreibtisch

die Versteinerungen von Armfüßlern,

Seeanemonen, Muscheln –

das brüchige Gestein

durchziehen schattengleich rostbraune Spuren

von Eisen, wie von leichter Hand

des Künstlers zart aufgetragen,

doch nichts anderem geschuldet

als dem Sauerstoff, Feuer, Erde, Luft und Wasser

und der Zuversicht von Jahrmillionen Jahren,

dass all mein Tun und Werden,

all mein Streben, Lieben, Sterben,

von so viel mehr getragen wird

als Eitelkeit auf Erden

und Lebensspuren trägt, ein Hoffen stets

auf eine bessre‘ Zeit.

Ein weitres‘ Jahr streich‘ ich von meiner Lebensbahn,

von Dir geborgen, bedank‘ ich mich,

fang mein neues ich

in Zuversicht und Demut an.

(c) Weinbörner 2016 Dezember

Ach ja, die Lyrik!

Aber Gedichte – schreiben, lesen? Diese seltsamen Gebilde, diese verklausulierte Sprache, unvollständige Sätze, Vokabeln wie aus einer anderen Welt? Warum zwanghaft unscharf sehen wollen, wenn mittlerweile bereits von Computerprogrammen und Maschinen Sehschärfe als Massenware für den jeweiligen Bedarf geschliffen werden kann? Auch das gibt es: messerscharf geschliffene Werbeverse, die dem Konsumenten unter die Haut gehen, ins Herz stechen, ihn am Ende (ver)bluten lassen. Die Metapher als Waffe der Propaganda zahlt sich noch immer aus. Aber ihre Macht beweist am Ende doch nur die Stärke der Lyrik schon vor dem Missbrauch, der entlarvt und zur Anklage gebracht gehört. Ach ja, die Lyrik, diese brotlosen Kunst des Verseschmiedens, die uns doch immer wieder über die Sprache, die Dinge, die wahr und wichtig sind und uns über uns selbst nachdenken lässt.

 

Eine Gebrauchsanweisung in fünf Punkten und einem Zusatz:

  1. Es beginnt damit, dass wir von dem alltäglichen Gebrauch, dem Oberflächenstrom der Worte, Sätze, des rattenfängerhaften Gebrauchs der Sprache in der Werbung und Öffentlichkeit abrücken, nach der Wahrheit, nach einem Ursprung suchen. Warum auch immer … Unsere Sprache verdient Achtsamkeit, sie sagt viel mehr aus über uns, als all die Dinge, mit denen wir uns schmücken und sie prägt unser Denken und Fühlen. Nicht die Sprache neu erfinden, aber wo sind sie geblieben, diese makellosen Worte, die uns so wichtig waren, dass wir sie aufschrieben, rahmten und auswendig kannten?

  2. Es findet seine Fortsetzung darin, dass wir uns bemühen, ein Wort von Gewicht, einen richtigen Ausdruck zu finden, der uns etwas bedeutet, der den Kern eines Gedankens, eines Gefühls, einer Beobachtung berührt. Dann, wenn wir dieses Wort gefunden haben, wenn wir es festhalten wollen, es mitteilen, schaut es sich auf unserer leeren Seite um, ob es sich in dieser Umgebung wohl fühlt und sich niederlassen will.

  3. Dann sind wir versucht, ihm eine Form zu geben: Wort und Ausdruck kunstvoll und angemessen zu verpacken und sie wertvoll zu machen, indem sie eine Bedeutung auch für andere Menschen und für andere Anlässe bekommen. Unser Wort und Ausdruck erhebt sich nun aus der Buchstabensuppe und blickt über den Tellerrand in die Welt.

  4. Formen, wie Verse und Strophen, sorgsam geborgen aus dem Steinbruch der Gegenwart, fugengenau aneinandergefügt, wirken sie so natürlich und zwingend, als gäbe es sie in dieser Art ihres Ausdrucks schon ewig.

Den Blick für das Handwerk schulen, auch die Formen dicht an dicht immer wieder und weiter auf den witterungsbeständigen Kern zu reduzieren. Den Kern, der uns berührt, unsere Lebenslust und Trauer. Sprache, die uns still werden lässt oder uns zum Singen verführt.

  1. Die Kunst des Gedichteschreibens, der Lektüre von Poesie ist eine nie endende Übung, der Vollkommenheit verpflichtet, die in glückhaften Momenten nur gestreift werden kann.

Wortbilder auf Papier, wirklich und doch anders als jede Gegenwart, ergreifend, nicht griffig, aber stets wahr. Das Spiel damit, macht süchtig, Klänge, die sich aneinander schmiegen und Gedanken weiter tragen, als gehörten sie schon seit Urzeiten zusammen, bauen Brücken des Verstehens, des Sehens, des Zuhörens.

  1.  Zusatz: Lyrik als Massenware – Vers an Vers stopft manches Loch und reimt am End‘ sich doch … Wenn schon zu Anfang des poetischen Prozesses – häufig Anlass bezogen – die Form, mit dem Wert verwechselt wird. Wenn diese schöne Verpackung, die man bemüht, um des Klanges, des Effektes willen, den Inhalt übersieht und dabei den Kern dessen, was die Tätigkeit eines Lyrikers/eines Poeten ausmacht. Poesie der reinen Unterhaltung wegen ahnt nur selten, wo die Sprache zur Poesie wird und wo sich die Poesie in der Sprache findet und auf ihren wahren Kern begründet. [Entschuldigung für diesen Gelegenheitsreim, doch klammheimlich stahl der sich gerad‘ an dieser Stelle rein.]

(c) Weinbörner 2016