AUGUST 2017

AUGUST 2017

Versuch über die Kurzgeschichte

Wer kennt den Platz zwischen Novelle und Skizze? Pardon, man liest heute Romane, Kriminalromane sogar. Kurzgeschichten sind vielleicht in Anthologien zu regionalen Mordansammlungen populär. (Und schaut man genauer hin, sind es am Ende dann doch Erzählungen.) Aber der Platz zwischen Novelle und Skizze … Muss das sein? Ich überlasse das Auffinden dieses Stuhls lieber den Literaturwissenschaftlern und nähere mich der Kurzgeschichte ganz profan als Handwerker.

Anhaltspunkt könnte hier der Umfang sein. Bei der Ausschreibung von Kurzgeschichtenpreisen wird die Kurzgeschichte bei einer Seitenzahl von drei bis maximal zwölf eingeordnet. Das entspricht ihrer Herkunft aus dem amerikanischen als literarische Gattung im Rahmen einer Zeitungslektüre. Diese Beschränkung des Erzählens auf engstem Raum zwingt den Autor unweigerlich zur Reduktion seiner Stilmittel, zu Andeutungen und zur Komprimierung von Handlungssträngen und größtenteils auch zum Weglassen von wörtlicher Rede. Insofern besteht die Kurzgeschichte in einer Art wortgewordene Momentaufnahme, aus einem geheimnisvollen Fragment, das mehr andeutet als verrät. Sie steht auch in der erzählenden Literatur als Kunstform ziemlich einsam auf dem Podest schriftstellerischer Kunstfertigkeiten. Sie steht im Ergebnis häufig damit der Lyrik näher als der Prosa und fordert ihrer Leser in besonderer Weise heraus, mitzudenken, zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen.

Ein beliebtes Stilmittel der Kurzgeschichte und gleichsam der Ausgangspunkt für alle notwendigen Komprimierungen ist der sogenannte ‚jump in the story‘. Ein Protagonist tritt aus einem unerwarteten Augenblicksereignis in die Zeit der Erzählung ein. Mit seiner ersten Reaktion erschafft er die ihn umgebende Wirklichkeit. Dabei wird das entscheidende – auch der Komprimierung wegen – nach innen verlegt. Wendungen und Pointe der Geschichte werden vom Ereignis zu Anfang aus gesehen, über den gesamten Fluss der Geschichte verteilt und sichern so den Spannungsbogen. Eine Kurzgeschichte hält die Wirklichkeit in der Schwebe und endet deshalb häufig in unfertigen Schlüssen oder in einer Art ‚cliff hanger‘.

Den Kurzgeschichtenerzähler interessieren vor allem solche Ereignisse, die wie ein Stein, der ins Wasser fällt, Kreise ziehen und die so bedeutsam sind, dass der Protagonist Farbe bekennen muss oder gezwungen wird, sich infrage zu stellen. Er wird mit einer Wahrheit konfrontiert, die ihn im Moment, hier und jetzt, innehalten lässt, die ihn zur Reaktion zwingt. Anstatt zu enden, hört die komprimierte Reaktionshandlung der Story einfach auf und überlässt Deutung und Interpretation dem Leser. Sie ist stets der Wirklichkeit zeitlos näher als dies die anderen Gattungen und Erzählhaltungen der Literatur vermögen. Sie ist ein Stück herausgerissenes Leben – was sie mitzuteilen hat, das macht sie in jeder einzelnen Zeile.

Sie zeichnet sich durch eine Einheit in der Zeit, eine einfache Sprache und eine klare einheitliche Erzählhaltung aus. Alles Mittel der Verknappung und Komprimierung. Je näher die Geschichte in der Verknappung dem Protagonisten auf den Leib rückt, je engagierter und wirklichkeitsnäher gerät die Kurzgeschichte. Nicht der Mensch, wie er sein könnte, steht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern der Mensch, wie er unfertig, mit Fehlern behaftet, ist. Die Kurzgeschichte zwingt den Autor zur Wahrhaftigkeit und macht ihn, wenn sie gelingt, authentisch erlebbar für seine Leser.

Immer wird dem Autor wichtig sein, wie sein Protagonist handelt. Seine Handlung, nicht seine Gedanken stehen im Vordergrund. Dialoge, falls sie überhaupt vorkommen, werden nur angerissen, untertreiben raffiniert, denn in jedem Satz schwingt eine Andeutung mit. Nichts wird erklärt, das allermeiste aber ausgelassen. Keine Parallelhandlungen, keine Nebenpersonen, die selbstständig eingeführt werden, die Geschichte wird ausschließlich von der Hauptperson her gesehen. In ihr wird jeder Satz wichtig, jede Handlung bekommt ihre Bedeutung – gerade auch wenn sie banal ist. Da die Kurzgeschichte nicht abwägt, sondern darstellt, ist sie besonders dort erfolgreich, wo sie soziale Missstände anprangert und sich engagiert. In der erzählenden Literatur ist sie sicherlich das dichteste und kunstvollste Wortgebilde, das jeden Schriftsteller irgendwann herausfordert. Ihrer engagierten Ausrichtung wegen liebe ich sie sehr.

(c) Weinbörner 2017