APRIL 2016

April 2016

 

Der Weg der Elster/Sauerlandtexte (Plettenberg/Ohle)

 

Kartoffelschälen

Säße ich im Sommer neben Großvater auf der Mauer unter den Apfelbäumen mit dem Kartoffeleimer zwischen den Beinen, um Geschichten zu angeln und hauchdünne Sätze zu schälen, denen wir später in dieser Pfanne auf dem offenen Herdfeuer knuspernd lauschten, wie es heute fast nur noch Taube und Zurückgebliebene vermögen. Nur wenige Worte trugen deine Sätze, Großvater, doch du musstest bei mir nicht vergebens um die Worte ringen, die sich wie die hauchdünnen Kartoffelschalen kringelnd in eine Schüssel senkten, um von mir später auf dem Kompost vergraben zu werden, wo danach der Pflaumenbaum dort reichlich Früchte trug. Die Kronen der gefällten Apfel– und Pflaumenbäume flüsterten die Fortsetzungen und Geheimnisse dieser Geschichten, in den blauen Sommerhimmel, wo heute Baumarktpflanzschalen auf Baumstümpfen vor Kummer begossen werden müssen, damit sie überleben.

(c) Udo Weinbörner 2016