Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2014

Die Verleihung des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur 2014

Texte, Reden, Bilder

 

Der Preisträger vor dem Haus des Westfälischen Literaturbüros in Unna

 

Das Sekretariat für den

"Alfred-Müller-Felsenburg für aufrechte Literatur“

und das LiterturPortal LYRIKwelt.de

vergab im Jahr 2014 den

"Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur" an

 

Herrn Udo Weinbörner

 

Die Preisverleihung fand im Rahmen des Projektes "literaturland westfalen" am

Sonntag, 23. November 2014 um 11 Uhr

in den Räumen des Westf. Literaturbüros, Nicolaistr. 3, 59423 Unna statt.

Die Preisverleihung nahm Herr Pit Böhle,

Geschäftsführer des WLB vor.

Das Grußwort für die Stadt Plettenberg sprach

Herr Bürgermeister Klaus Müller.

Die Laudatio hielt Herr Rudolf Damm aus Hagen.

Die Begründung der Jury: "...seine Bücher und Romane setzen neue Maßstäbe..."

Für die musikalischen Beitrag konnte

Herr Norbert Labatzki,

Künstlerischer Leiter von Mazel Tov gewonnen werden.

Den Büchertisch betreute die Ruhrtal Buchhandlung aus Schwerte.

 

 

Gruppenfoto von links nach rechts: Pit Böhle (Geschäftsführer WLB), Martina Reinhold (stellv.Bürgermeisterin Plettenberg), Udo und Anne Weinbörner, Michael Fallenstein (Sohn des Namensgebers des Preises), Klaus Müller (Bürgermeister Plettenberg), Norbert Labatzki (Musiker)

Fotos vom Autor - weitere Fotos von Brigitta Nicolas und Werner Kieber unter

http://www.lyrikwelt.de/amf-preisverleihung2014.htm

Die www.lyrikwelt.de bietet zudem die Reden von Rudolf Damm und Udo Weinbörner und Presseinformationen zum Autor und der Veranstaltung und zahlreiche weitere interessante und hilfreiche Links an.

 

Die Laudatio auf Udo Weinbörner von Rudolf Damm

Verleihung des „Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für aufrechte Literatur“ an den Schriftsteller Udo Weinbörner für seinen Roman „Georg Büchner – Das Herz so rot“ am 23.November 2014 in den Räumen des „Westfälischen Literaturbüros“ in Unna

Der diesjährige „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur“, dotiert mit einer „Flasche ehrlichen Landweins“ geht in diesem Jahr an den in Meckenheim bei Bonn lebenden Schriftsteller, Romancier und Lyriker, Udo Weinbörner.

Udo Weinbörner, 1959 in Plettenberg/Sauerland geboren, war als Jurist bis 2013 Referatsleiter im Justizministerium, verfasste zahlreiche viel beachtete  juristische Fachbücher und seit 1984 immer wieder Literatur: „Debüt“ Kurzgeschichten, 1986 „Goethe ade“, Gedichte und 1988 sein erster veröffentlichter Roman „Der Froschkönig“, 1989 der Roman „In Sachen Eva D.“ über die Lebensgeschichte einer im 3. Reich zwangssterilisierten Frau im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre, in Berlin auch als Theaterstück aufgeführt.

Von 1986 bis 1996  hat Weinbörner die „Bonner Literarische Zeitung“ herausgegeben, er schrieb Kurzhörspiele und dann erschien 2005 „Schiller/Der Roman“, 2010 „Der General des Bey/Das abenteuerliche Leben des Amrumer Schiffsjungen Hark Olufs“, 2012 der nun preisgekrönte biographische Roman über Georg Büchner und – „last, but not least“ – in diesem Jahr eine Auswahl seiner Gedichte aus den letzten 30 Jahren „Zart will ich dich berühren“. Und dazu macht er auch noch Musik mit seinem Trio: „Selbstkomponiertes zu eigenen und klassischen Lyriktexten, vornehmlich im Jazz- und Bluesstil“ wie es auf seiner Website heißt. Dort verrät er auch, dass ein neuer Roman seit dem 4. Oktober fertig auf seinem Schreibtisch liegt und er an einem neuen Roman – soweit ich es verstanden habe über E.T.A. Hoffmann, den Dichter und Titelfigur der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ von Jaques Offenbach, bereits wieder arbeitet.

Ich habe Udo Weinbörner bisher leider nicht persönlich kennenlernen können, und  Sie mögen entscheiden, ob mir eine wichtige Facette des Gesamtwerks entgangen ist – ich weiß aber aus einem seiner Interviews, die ich gelesen habe, dass er nicht mehr gesund ist – inwieweit ihn das in der Vergangenheit beeinflusst hat, oder in jüngster Zeit beeinflusst, wage ich nicht zu beurteilen, aber ich kann mich an ein Gespräch mit Alfred Müller-Felsenburg erinnern, in dem er in einem ähnlichen Zusammenhang das Bibelzitat aus dem 2. Korintherbrief des Paulus, Kapitel 12  benutzte: „Gott ist in den Schwachen mächtig.“ - ein bemerkenswerter humaner Ansatz gegen das klassisch-antike Verständnis vom „mens sana in copore sano“ – „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“, das z.B. von den Machthabern des 3. Reiches pervertiert proklamiert und menschenverachtend umgesetzt wurde. Ich glaube bei Udo Weinbörner erkennen zu können, dass ihn menschliches Leid und Leiden nicht unbeeindruckt lässt – sein Parzival hätte Amfortas durch sein „Mitleiden“ von seiner Krankheit sicher erlöst! Denn so ein „Mitleidender“ ist auch sein Georg Büchner.

Und damit bin ich beim eigentlichen Thema meiner Laudatio kommen, dem preiswürdigen Roman über Georg Büchner. Dieser biographische Roman über einen außergewöhnlichen, aufrechten Menschen im Sinne Alfred Müller-Felsenburgs: Dichter, Arzt, Revolutionär und Liebenden, der, als er im Februar 1837 mit nur 23 Jahren in Zürich an Typhus starb, schon Doktor der Philosophie, Privatdozent und Schöpfer unsterblicher Werke der Weltliteratur und der Verfasser einer revolutionären Flugschrift, des „Hessischen Landboten“ war.

Dazu schreibt Ulrich Greiner, Journalist und Literaturkritiker am 3. Oktober 2013 in „Zeit-Online“ unter der Überschrift „Kurzes Leben, großes Werk“:
Eben hatte er
(Büchner) seine Dissertation über das Nervensystem der Barbe veröffentlicht, war zu einer Probevorlesung an die frisch gegründete Universität Zürich eingeladen worden und hätte in Kürze mit einem medizinischen Lehrstuhl rechnen können. Er hatte noch einiges vor sich, etwa die Heirat mit seiner Verlobten Wilhelmine (Jaeglé), und leicht kann man sich vorstellen, er wäre Professor geworden mit einem Haus voller Kinder.
Und doch ist das Wort „vollendet“ nicht ohne Sinn, wenn man das Werk betrachtet. „Dantons Tod“, ein Höhepunkt deutscher Dramenkunst, schrieb er in fünf Wochen. Da war er 21 Jahre alt. Und rasch folgten die Erzählung „Lenz“, die Komödie „Leonce und Lena“, schließlich der „Woyzeck“. Eine Steigerung scheint da kaum möglich.
Um zu begreifen, was dies bedeutet, muss man sich die die geringere Lebenserwartung vor Augen halten. Ein heute geborener Junge kann mit 77 Jahren rechnen. Um 1700 betrug die Lebenserwartung etwa 30 Jahre. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts stieg sie stark an.
Die Zeit war auch aus anderen Gründen knapp. Als Büchner, der wegen seiner Flugschrift „Der Hessische Landbote“ steckbrieflich gesucht wurde, nach Straßburg floh, brauchte er für die knapp 200 Kilometer von Darmstadt aus vier Tage. (…) Das heißt: Das Leben der Menschen zu Büchners Zeit war grob geschätzt halb so lang, die Kommunikation (Brief statt Telefon oder Email) unendlich viel länger. Wir Heutigen haben objektiv viel mehr Zeit, subjektiv viel weniger. Die Menschen damals hatten objektiv viel weniger Zeit. Und doch hatten einige von Ihnen die Muße, die innere Freiheit zum großen Werk.

Bei den letzten Zeilen habe ich gestutzt, denn passen diese Worte nicht auch etwas in abgewandelter Form auf unseren heutigen Preisträger und sein umfangreiches Oeuvre? Noch etwas ist mir im Zusammenhang mit ihm und dem literarischen Werk Büchners aufgefallen: beide beziehen sich auf reale Vorbilder, nehmen ihre literarischen Vorlagen aus dem wirklichen Leben: so sind Büchners Titelhelden Danton, Lenz und Woyzeck,  aber auch Weinbörners Eva D., sein Schiller ebenso wie Hark Oluf  und vor allem Georg Büchner historische Personen.

Hier endet aber auch die Parallelität zwischen unserem Preisträger und seiner Romanvorlage, denn während  Büchners Werk von den Zeitgenossen verkannt und verrissen wurde und erst im Schatten des heraufziehenden 20. Jahrhunderts Anerkennung fand, hat Weinbörner doch viele Leser und Rezensenten beeindruckt, so eine Leserin im Internet: Der Autor hat die wenigen Überreste Büchners mit Fleisch besetzt, dem man seine Beseeltheit einfach glauben möchte. Ein Leser: Allein für die Anfangskapitel mit der Ankunft des 18jährigen Büchner in Straßburg und die zu Herzen gehenden Schlusskapitel mit dem Ende der großen Liebesgeschichte zu Minna gebührt dem Roman eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Und eine weitere Leserin schreibt: Der Roman ist eine detektivische Meisterleistung. Die vielen Puzzlestücke von Büchners Leben werden zusammengefügt, es entsteht das Bild einer zerrissenen Persönlichkeit. Der Autor fügt alles zusammen, es bleibt viel Raum für eigene Gedanken des Lesers über den Menschen Georg Büchner. Soweit Leserstimmen.

Und die „Bonner Rundschau“ schreibt am 1.März 2013: Man muss den Menschen kennenlernen, um sein Werk zu verstehen. Weinbörner hat seine Begeisterung für den vielseitigen Büchner in einen Roman verpackt.

Und der „ General Anzeiger“ bemerkt am 2./3. März: Der Roman besticht durch historische Detailkenntnisse des vorrevolutionären Deutschland und eine bilderreiche, kraftvolle Sprache.

Renate Schattel schreibt im April im ekz.bibliotheksservice: … Das Ringen um die Triebkraft der Freiheit erzählt Udo Weinbörner mit großer Empathie, schlüpft überzeugend in Büchners Denkweise und weicht ihm erzählerisch nicht von der Seite. Eine große Verbundenheit mit dem gescheiterten Revolutionär zeichnet Weinbörners bewegendes und bedrückendes Buch aus, das ebenso die aufgeregte Zeit vielschichtig schildert…

Und auch ich muss gestehen, dass mich Weinbörners Roman beeindruckt und gefangen hat. Als ich am 1. November diesen Jahres, einem wunderbaren sonnigen Herbsttag durch die engen Straßen der historischen Altstadt Straßburgs Richtung Münster ging, erwartete ich jeden Moment den jungen, liebenden Büchner zu sehen, der seine geliebte Minna an sich drückt. Diese Wilhelmine Jaeglé, Geliebte und Braut Büchners, die ihm bis zu ihrem Tod im Dezember 1880 treu blieb und für sich das Recht in Anspruch nahm, über seinen literarischen Nachlass zu bestimmen! Durch sie wurden sicherlich persönliche Briefe und Tagebucheinträge Büchners der Nachwelt vorenthalten, die ihr, einem Kind ihrer Zeit, möglicherweise zu verfänglich erschienen – Weinbörner musste aber keine Rücksicht mehr auf ihre Bedenken nehmen und hat sie dadurch nur noch liebenswerter dargestellt.

Natürlich war und ist mir, als gebürtigem Hessen und dazu noch in Offenbach/Main zur Schule gegangen, Georg Büchner und seine Werke, vor allem aber der „Hessische Landbote“ ein fester Begriff mit seinem Anfangssatz „Friede den Hütten, Krieg den Palästen! Das Leben der Reichen ist ein langer Sonntag, sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter und reden eine eigene Sprache; das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker…“. Er war Thema im Deutschunterricht der Oberstufe und wie könnte ich vergessen, wie ich an der Rolle des „Leonce“ aus seiner gleichnamigen Komödie „Leonce und Lena“ bei den Proben der Mainzer Studentenbühne laut Aussage meines Regisseurs Hans-Peter Renfranz gescheitert bin – ich hatte als 23jähriger noch keinen Zugang zum melancholischen, tiefen Menschenverständnis des Dichters, der beim Verfassen seines Schauspiels eher noch jünger war… Vielleicht hätte mir der Danton damals eher gelegen…

Büchner, der Dichter des Vormärz, gehörte zum festen Repertoire meines literaturwissenschaftlichen Studiums und dann hatte ich ihn zur Seite gelegt, ärgerte mich gelegentlich über eine Inszenierung seines „Woyzeck“ in der die Titelfigur des gequälten Menschen auch noch barfuß durch auf die Bühne gebrachten Schnee stampfen musste – so im Schauspiel Dortmund. Er hatte seinen festen Platz in meiner literarischen Inventarliste, abgelegt…

Und dann die Begegnung mit Weinbörners „Georg Büchner“ als Jury-Mitglied des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises für dieses Jahr: ich glaubte, alles zu wissen, erwartete keinerlei Überraschung, ich begann zu lesen und ich konnte nicht mehr aufhören: das war ein ganz neuer, menschlicher Büchner, nicht nur der Dichter, sondern der Mensch mit seinen Plänen, Hoffnungen, politischen Überzeugungen, für die er seine Freiheit, ja sein Leben aufs Spiel setzte, seinen Träumen und der Liebe seines Lebens, die Weinbörner am Anfang des 15. Kapitels so beschreibt: Himmel und Hölle. Zurück in der Rue St. Guillaume No.66, links eine Treppe hoch, in dem etwas überzwergen Zimmer mit der grünen Tapete, zurück in der Normalität des Studentenalltags in der Akademie, in der mit Schwielen am Hintern ersessenen Gelehrsamkeit. Zurück aber auch bei den nicht uninteressanten Diskursen und Experimenten jenseits der allzu trockenen Buchgelehrsamkeit, die den Studenten Büchner kaum auszufüllen vermochte und wieder zum Studium der französischen Revolution trieb. Zurück in der vagen Hoffnung. Das entschlüsseln zu lernen, was das Rad der Geschichte antrieb. Zurück aber vor allem zu all den süßen Heimlichkeiten, in die Arme der Geliebten, auf dass ihre Körper in jeder gestohlenen Stunde nicht voneinander lassen konnten, sie sich in einem fort liebkosten, streichelten und übereinander wälzten, getrieben von dem Verlangen zu verschmelzen und den Lauf der Zeit, der sie am Ende dieses Semesters unweigerlich trennen würde, vergessen zu machen. Sie erlebten ihre Leidenschaft wie einen Rausch. Minna war zu Traum von seinem Lebensglück und zu einer heiteren Zukunft geworden, nach der sich die ganze Seite seines dunklen zweifelnden Wesens sehnte.

Abschließend möchte ich Rotraud Pöllmann, die Leiterin des Büchnerhauses in Goddelau, das heute zur Gemeinde Riedstadt gehört, zu Wort kommen lassen. Sie schreibt am Schluss ihres einfühlsamen Begleitworts zu Weinbörners Roman: „Das Herz so rot“, der Büchner-Roman von Udo Weinbörner, erzählt aus Büchners Perspektive im historischen Rückblick ein spannendes und bewegendes Leben. Der Autor ist seinem Protagonisten ganz nah, weicht ihm in keinem Kapitel von der Seite. So entsteht ein Spannungsbogen, der weit über den Revolutionär Büchner ins Private hineinreicht, ein Epos vom Leben und Überleben, ein historischer Roman, der Hoffnungen und Enttäuschungen, der Liebe und des Verrats. Weinbörners Roman ist eine literarische Liebeserklärung mit tragischem Ende.
Den Revolutionär und Schriftsteller Georg Büchner kennt man – man kennt ihn nicht zuletzt, weil der wichtigste Literaturpreis Deutschlands seinen Namen trägt – dem Menschen Georg Büchner, dem großen Liebenden, dem Suchenden und tragisch Scheiternden hingegen, kommt der Roman auf wunderbare Weise näher. Auch wenn ein Roman kein Sachbuch über Büchner ersetzen vermag, dieses Buch ist für mich ein Glücksfall und es war längst überfällig.
20.000 Gäste haben das Büchnerhaus bislang besucht: Jetzt kann jeder Besucher auch „seinen Büchner“ mit nach Hause nehmen.“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen – sehr verehrter Udo Weinbörner, ich verneige mich vor Ihnen, „dessen Bücher und Romane neue Maßstäbe setzen“ – so formuliert in der Begründung der Jury des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises und danke Ihnen, dass Sie ihn annehmen!

Übrigens, den Preis hätten Sie auch schon für Ihren Schillerroman 2005 verdient gehabt…

Grußwort von Klaus Müller,
Bürgermeister der Stadt Plettenberg,

anlässlich der Verleihung des AMF-Preises

Sehr geehrter Herr Weinbörner,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der Stadt Plettenberg danke ich sehr für Ihre Einladung zur heutigen Preisverleihung. Wir freuen uns, dass der Alfred Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur an einen gebürtigen Plettenberger verliehen wird.

Mit stolzem und auch bangem Herzen sind wir, meine Stellvertreterin Frau Martina Reinhold und ich, heute angereist. Stolz, weil Sie, lieber Herr Weinbörner, mit Literatur zu Anerkennung und Ehrung gelangt sind. Mit bangem Herzen, weil man in Sorge ist, die richtigen Worte zu finden, angesichts so vieler Menschen, deren Hauptanliegen der Umgang mit Sprache ist. Denn unser    Plettenberg ist – bisher - weniger für außerordentliche Literaten bekannt, sondern eher fürs Schmieden, für Weltmarktführer, die z.B. Zapfpistolen herstellen und neuerlich auch für abenteuerliche Wasserrutschen in unserem Wasser-Ressort AquaMagis.

Aber wie Sie sehen, wir sind mutig angereist und überbringen Ihnen, Herr Weinbörner, ganz herzliche Grüße aus Ihrer Geburtsstadt und gratulieren Ihnen zur Verleihung dieses besonderen Literatur-Preises.  

Wir wissen, dass Sie in Plettenberg-Ohle, nahe dem Ohler Eisenwerk geboren sind. Dort aufgewachsen, wo Arbeiterkinder aufwachsen und wo man in den 1970er Jahren die Ausnahme war, wenn man das Gymnasium besuchte. Ich möchte darauf eingehen, woher Sie kommen, weil man vermuten darf, dass Herkunft, Kindheit, Jugend und sozialer Status die Basis bilden und die Motivation sind für die Schwerpunkte, die bei Ihrer späteren Arbeit in der Justiz als auch bei Ihrer Tätigkeit als Schriftsteller wichtig waren. In einer Arbeiterfamilie groß geworden, mit allen Nachteilen, die sich daraus ergeben, haben sie frühzeitig bemerkt, welche  Ungleichheiten es auf der Welt gibt, die von vielen gesehen, gelebt und mitgetragen werden, ohne diese zu thematisieren. Alle schweigen und begehren selten auf.

Mit fünf Jahren eingeschult und als jüngster und körperlich längster in den Klassen ab und an gehänselt und nicht selten auch schikaniert vom Fabrikantensohn. Klar war in dieser Struktur: der darf das. Die soziale Diskriminierung zieht sich durch bis zum Abitur in unserer sauerländischen Kleinstadt, wo der Arztsohn vielen Leuten automatisch mehr galt als der Arbeitersprössling.

Sie hatten nicht selten zu leiden in Kinder und Jugendtagen und heute dürfen wir hier sein und sind froh, das Sie aus dieser Welt raus wollten und ihr zeigen konnten - und hoffentlich noch lange können - was aus dem eher schüchternen, bescheidenen, zurückhaltenden, oft zu ernsthaften jungen Mann geworden ist: ein Workaholik.

Ihre Karriere liest sich atemberaubend!

Manche begnügen sich mit Studium und Beruf -  nun Sie nicht. Denn nebenbei muss noch geschrieben werden. Mit 17,5 Jahren Abitur, mit 21 Jahren Abschluss des Studiums und mit 23 Jahren bietet man Ihnen bereits die Geschäftsleitung des Amtsgerichtes ihrer Heimatstadt Plettenberg an.

Wie geht das? Ganz offensichtlich haben Sie in den wenigen Jahren bis hierhin bereits viele ihrer Ängste und schlechten Erfahrungen aufgearbeitet. Sind diese offensiv angegangen. Andere machen da meist einen Bogen. Sie hatten aber noch mehr vor. Mit 23 zurück nach Plettenberg, so dachten Sie damals, da kann man nur Schützenkönig werden und dann vielleicht noch Bürgermeister. Der Kollege, den Sie dann für die Geschäftsleitung des Amtsgerichtes Plettenberg, nahm die Ihnen angetragene Stelle an. Witzigerweise tat dieser Kollege in der Folgezeit genau das, was Sie hatten auf sich zukommen sehen. Er wurde Schützenkönig und schließlich auch noch Bürgermeister, allerdings in einer Nachbargemeinde. Soweit ich das beurteilen kann, sogar ein sehr erfolgreicher. Für einen 23jährigen bewies diese Entscheidung eine erstaunliche Weitsicht. Sie zogen für sich vor, das Schreiben und die Justiz zu verbinden.

Genaugenommen schrieben Sie sich ins Justizministerium, wo Sie nicht nur wegen Ihrer juristischen Qualifikation eingestellt wurden, sondern offenbar auch wegen Ihrer Fähigkeit Texte zu verfassen. In der Folgezeit schrieben Sie Ministerreden, unter anderem  für Herrn Kinkel und Frau Leutheusser-Schnarrenberger. Nebenbei haben Sie eine Literaturzeitschrift herausgegeben, Sachbücher, Fachaufsätze und vieles mehr geschrieben.

Mit 32 zum Referatsleiter aufgestiegen und das Gesetz für die Gründung des Bundesamtes für Justiz geschrieben, wo Sie dann tätig waren.

Hier haben sie sich vornehmlich zwei Aufgaben gewidmet:
a.   der Rechtshilfe,
b.   der Opferbetreuung und Entschädigung für Opfer rechtsextremer und terroristischer Gewalt.

Womit wir wieder bei Ihrem Leitmotiv sind. Dort wo Unrecht, Ungleichheit existieren machen Sie es  zum Thema. Ich will hier nicht verhehlen, dass es imponiert, wenn jemand immer so gerade und aufrecht an seiner Überzeugung festhält. Manch anderer bekäme Angst und ließe es lieber bleiben.

Z. B. in der Situation, als man die Theaterfassung Ihres Romans "Eva D." unbedingt verbieten lassen wollte, weil zeitgleich im Bundestag das neue Betreuungsrecht diskutiert wurde und Themen wie Sterilisation strittig diskutiert wurden. Der Roman setzte ich mit dem Thema auseinander und warf kein gutes Licht auf unsere Republik. Ein Minister Kinkel stellte sich allerdings vertrauensvoll hinter seinem Mitarbeiter Weinbörner und stand zur Kunst- und Meinungsfreiheit .

Lieber Herr Weinbörner, wir sind stolz, Sie heute hier persönlich beglückwünschen zu dürfen.

Zeigen Sie doch, dass nicht Herkunft ausschlaggebend ist für den Werdegang eines Menschen, sondern vor allem der Wille etwas ändern und gestalten zu wollen. Die Umstände in Plettenberg als Arbeiterstadt waren da nicht eben optimal.

Bei uns steht auch heute noch die Industrie an erster Stelle, auch wenn sie augenscheinlich nicht mehr so dominant hervortritt wie in den 70ern, ohne große Umweltschutzauflagen, wo Männer mit rauen Händen glühendes Eisen verformt haben. Seit 150 Jahren wird bei uns geschmiedet, alles aus Metall oder Kunststoff. Es wird  gepresst, gegossen, gehämmert, gedreht, gestanzt, gezogen. Das Bohröl wurde in der Kleidung nach Hause getragen. Daher rührte aber auch die vergleichsweise sehr gute Haushaltslage der Stadt, die die Schullandschaft geschaffen hat, in der wir Abitur gemacht haben und die wir bis heute weiter und gut ausbauen konnten.

Hier haben Sie Ihren Anfang genommen und sind gestartet in eine auch literarische Laufbahn, die auch Ihre Deutschlehrer mit Begeisterung verfolgen. Und wir möchten an dieser Stelle einen kleinen Wunsch äußern: einen kleinen oder auch größeren Plettenberg-Roman; das täte unserer Stadt der Schmieden gut und  Ihnen vielleicht auch.

Wir hoffen  auf die nächste Preisverleihung und wünschen Ihnen und Ihrer Familie nur das Beste.

 

 

 

Rede des Preisträgers Udo Weinbörner

Das Leben und das Schreiben und die guten Absichten

Anrede!

Meine verehrten Damen und Herren!

Die Auszeichnung mit dem „Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur“ hilft mir, sie motiviert und bestätigt mich auf meinem Weg, den ich als Schriftsteller eingeschlagen habe. Ich bedanke mich bei Ihnen allen, dass Sie heute mit mir dieses freudige Ereignis begehen und mir damit die Ehre erweisen. 

Gerührt und bewegt habe ich der Laudatio und den Begleitworten gelauscht, warum ausgerechnet diese Ehrung mir zuteil wird. Inzwischen bin ich mir auch sicher – es gab da einige Anhaltspunkte – dass tatsächlich ich gemeint bin mit allen diesen Freundlichkeiten. Vielen Dank für Ihr Interesse an meinem Werk und meiner Person. Das ist nicht selbstverständlich.

 

Meine Überlegung für meine Rede lässt sich auf folgenden Punkt bringen: Wer den Preis für „aufrechte Literatur“ bekommt, sollte sich als Person ‚aufrecht‘ selbst einbringen. Diesen Versuch habe ich „Das Leben und das Schreiben und die guten Absichten“ genannt.

Den Anfang von vorn beginnen

und nicht von hinten,

allen Halbheiten kündigen…“,

so beginnt mein Gedicht „Am Ende der Trauer“

Geboren wurde ich 1959 in Plettenberg im Sauerland, dort habe ich auch bis zu meinem 18 Lebensjahr gelebt. Wenn es stimmt, dass wir selbst im hohen Alter noch die Welt mit den Augen unserer Kindheit betrachten, ist es zumindest erwähnenswert, dass der Ort am Rand des Ruhrgebiets und am Fuß des Hochsauerlands damals nicht nur eine wunderschöne Natur aufzuweisen hatte, sondern auch geprägt wurde durch Schwerindustrie wie Blechwalzstraßen, Schrauben- und Drahtproduktion und den schwierigen Arbeitsbedingungen und Umweltsünden, die in den Wirtschaftswunderjahren unvermeidlich dazugehörten.

Zu der Welt, in der ich aufgewachsen bin, gehörten keine Bücherregale, aber das tägliche Süderländer Tageblatt und die evangelische Kirchenzeitung. Gekauft wurden in einem Arbeiterhaushalt vor allem nützliche Dinge. Der Kompromiss war ein fester Bestandteil des Lebens. Meine Oma, im gemeinsamen Haushalt wohnend, sprach ein wenig hessischen Dialekt, der Opa westfälischen und die Sprache meiner Eltern und der Umgebung, in der ich aufwuchs, war sowohl Westfälisch als auch ein wenig vom ‚Kohlenpott‘ eingefärbt.

So sprach auch ich, so schrieb ich meine ersten Sätze. Groß gewachsen, ein wenig kränklich, kam ich 1964 vorzeitig in die Grundschule in Ohle. Was diesen ‚langen Lulatsch, der was in de‘ Müggen gebrauchen konnte‘, von seinen Mitschülern unterschied, waren seine Schüchternheit, seine Ernsthaftigkeit und seine ausgeprägte Höflichkeit. Die Benimmregeln hatte ich von meinem Vater in den Ranzen fürs Leben gepackt bekommen. Die Ernsthaftigkeit war wohl das Ergebnis von zwei langen Krankenhausaufenthalten und den damals üblichen rücksichtslosen Behandlungs- und Isolierungsmethoden. Ich war irgendwie anders als meine Mitschüler, fiel auf. Ein kriegsversehrter Lehrer nahm sich meiner mit besonderer Fürsorge an.

Ich wollte bald mehr. Und dieses Mehr fand meine Fantasie in Büchern, die ich vom Geld meines Vaters kaufte, die nach dem Schweiß seiner Arbeit schmeckten. Der Mörtel für meine Sprache wurde so angerührt.

‚Chancengleichheit‘ war eines der gesellschaftlichen Ziele der Sozial-Liberalen-Koalition unter Willy Brandt und dank der Lernmittelfreiheit besuchte ich auf eigenen Wunsch die höhere Schule und ging jedem Fremdwort nach, prüfte seine Verwendbarkeit, die Zusammenhänge, in denen man es gebrauchen konnte und hütete mich doch, es in meinem gänzlich anderen Umfeld auf der Straße zu Haus über meine Lippen kommen zu lassen. Eines der steinigsten Äcker, die es zu bestellen galt, wo wahre ‚Wackermänner‘ beiseite geschafft werden mussten, war die Grammatik. Denn jemand, der „mal eben längs de Omma geht, woll?“, der schreitet wahrlich nicht im ‚goetheschen Sinne‘ voran.

Lesen und schreiben, sich ausdrücken zu können und natürlich die Bücher waren Motivation und Herausforderungen zugleich. Die Bücher waren die Türöffner, um der Enge des Nichtwissens zu entfliehen. Die Sprache, ein Geschenk und Arbeitsergebnis zugleich. Meine Eltern schenkten mir die Freiheit, mich für einen Weg der Sprache und der Bücher zu entscheiden. Ich weiß, wovon ich bei diesem Gedanken an Geschenke spreche.

Vergessen habe ich meine Herkunft aus einem Plettenberger Arbeiterhaushalt nicht. Weiß um meine Kindheit in der Siedlung mit Blick auf die Lenne und die Eisenwerke mit allen Einschränkungen, die normaler Weise auch heute nicht Wege in ein Schriftstellerleben weisen und nicht auf das Siegertreppchen eines Literaturpreises helfen. Ich weiß um das Geschenk der Liebe, Zuwendung und Förderung, die ich erfahren habe. Ich weiß aber auch um die gesellschaftliche Geringschätzung und Diskriminierung durch jene, die Bildung für vererblich und die Welt für käuflich halten. Diese Geringschätzung musste ich oft erfahren und sie hat mich in jungen Jahren hart gemacht und meinen Sinn für Gerechtigkeit geschärft.

Heute, von Krankheit gezeichnet, bin ich mehr als dankbar für meine Begabung, die meinem Leben einen besonderen Wert gibt und für meine Familie, allen voran meiner Frau Anne, und dankbar für meine Freunde, die unwandelbar an mich glauben und mich bestärken. Ich bin dankbar für meine Leser, denen ich meine Aufrichtigkeit schulde und die mir in meinen Romanen über Kontinente hinweg und durch die Jahrhunderte gefolgt sind.

Mit 15 Jahren - jedenfalls -stand mein Entschluss fest, Schriftsteller zu werden. Man hielt mich in meiner Umgebung für ein wenig schräg, selbst noch nach den ersten bescheidenen Veröffentlichungen. Mehr Anerkennung wird einem im Sauerland zuteil, wenn man beim örtlichen Dorfschützenfest den Vogel abschießt.

Mein Schreiben und das bewusst kritische Hinsehen auf die Verhältnisse und auf die Sprache der Zeit und des Umfeldes, über das ich schreibe, bedingten vom ersten Moment an einander. Viele Autoren werden nicht geplagt von dem Bemühen um Werte und von der selbstkritischen Arbeit, um die eigene Mittelmäßigkeit zu überwinden.

Jetzt denken Sie sich: Warum schreibt dieser ‚Sauerlandschiller im rheinischen Exil‘ nicht einfach eine herzergreifende Liebesgeschichte, einen ordentlich blutigen Krimi, kriegt seinen Preis und macht Kasse? Meine Damen und Herren, nichts gegen Unterhaltung. Das ‚sich Quälen‘ sollte dem Autor vorbehalten bleiben, dem Leser gebühren die Spannung und eine Bereicherung seines Wissens. Ich habe auch nichts gegen Liebesgeschichten, selbst mein Büchner-Roman ist ein Beleg dafür. Aber erfolgreich ‚Literatur-Fastfood‘ produzieren?

‚Fast Food‘, die nur dem Fressen dienen kann, macht skrupellos und schafft Suchtpotential, macht krank. Angesichts der Endlichkeit dieser Veranstaltung, die wir Leben nennen, sollten wir keine Lebenszeit verschwenden und „aufrecht bleiben“.

Also wo ist beim ‚Handwerk des Schreibens‘, der ‚Tellerrand‘, über den es zu blicken gilt, wenn man als „aufrechter“ Schriftsteller etwas schaffen will, das über die eigene Existenz hinausweist und jenseits der eigenen unausweichlichen Befindlichkeiten von Bedeutung ist? Vielleicht dort, wo es gelingt, Triviales zu einem Gesellschaftsportrait zu ordnen und so eine Zeit und ihre Menschen in Literatur zu verwandeln oder wo Sentimentalität mit Witz aufgehoben wird und Selbstgefälligkeit mithilfe der kritischen Wahrnehmung der Realitäten der Boden entzogen wird.

Wo sich Schriftsteller selbstkritisch um Werte bemühen, können sie Brücken bauen zwischen Menschen und Werte darauf transportieren. Deswegen sind sie weder bessere, noch wertvollere Menschen als andere, aber ihnen stehen Fähigkeiten zur Verfügung, die ihnen eine besondere Verantwortung für dieses Geschenk ihrer Begabung abverlangen.

Es ist die „aufrechte“ Literatur, die uns trösten und unsere Sehnsucht stillen kann. Die Literatur lässt uns die Dinge am nächsten Tag mit anderen Augen, den Augen eines Fremden oder Heimkehrers, klarer sehen. Die Literatur gibt den Dingen im Leben einen wahren Wert und bestimmt den Wert der Waren, die wir - oder die uns besitzen. Die Literatur schickt uns zumindest auf die Suche nach diesem Wert. In diesem Sinn ist sie ein wertvolles Gut, ein zerbrechliches Gut, mit dem der Schreibende und die Leser bewusst und behutsam umgehen sollten.

Wer darum weiß und schreibt, ist ein ‚Träumer ohne Land, ein Fremder‘, stets irgendwie seltsam entrückt, stets auf Reisen. Wir sind frei für diese Träume.

Die Freiheit des Einzelnen ist mein ‚Kompass‘ als Autor. Sie kommt nicht bunt, mit Schleife als Geschenk verpackt per Postzustellung ins Haus. Und niemand schickt sie portofrei und in gewünschter Stückzahl. Sie ist dort gefährdet, wo Gleichgültigkeit verantwortungslos macht, wo der Einzelne in der marschierenden und grölenden Masse unsichtbar wird. Denn die Welt fängt im einzelnen Menschen an, der sich der alles einebnenden Diktatur, den Tyrannen und Marktmächtigen allein schon mit seinem Dasein widersetzt. Im Einzelnen existieren Menschenwürde und Freiheit.

Als Schriftsteller sehe ich diese Vision von aufrechten, klaren Menschen in einer Welt der Freiheit. Denn, um es mit der Liedermacherin Bettina Wegner zu sagen: „…Leute ohne Rückgrat haben wir schon zu viel.“ Dafür, meine Damen und Herren, wird man doch Schriftsteller, dass man die Welt anders sehen, anders wünschen kann, anders beschreiben kann, als sie ist und als sie vielleicht sein wird.

Mit diesem Kurs hoffe ich, schreibend zu dem Kern vorzudringen, der unsere Gesellschaft zusammen hält und unser Zusammenleben lebenswert macht. Um es mit Max Frisch zu sagen: „Es gibt einen menschlichen Maßstab im Kern aller Werte und Dinge, den wir nicht ändern, sondern nur verlieren können.“

Schiller kommt einem so leicht in einer Gesellschaft wie der unseren über die Lippen: „Der Mensch ist frei, ist frei und wäre er in Ketten geboren.“ Die Fähigkeit zur freien Willensbildung gehört zum Wesen des Menschen.

In unserer Gesellschaft braucht niemand ein Held zu sein, um seine Meinung frei zu äußern oder seinen Lebenstraum zu träumen. Das Schillersche „In Tyrannos!“ – „Nieder mit dem Tyrannen!“, taugt als Schlachtruf in der Regel noch, sich unbeugsam und wehrhaft an der Grundstücksgrenze und am Arbeitsplatz zu geben. Der Rückzug ins Private macht unsere Freiheit aus. Die wahren Tyrannen besichtigen wir jenseits unserer Staatsgrenzen. Unserer Freiheit ist der Idealismus abhanden gekommen. Die Werte der Freiheit liegen in der Verantwortlichkeit der Justiz, die sie mit der Waage der Verhältnismäßigkeit bemisst. Wir delegieren gern; auch darin sind wir frei.

Ganz anders die Zeiten all jener, denen wir diese Freiheit verdanken. Wenig idealistisch schrieb Büchner: „Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein?“ in Dantons Tod und lässt ihn schlussfolgern: „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“

Freiheit hat etwas mit dem Recht, aber auch mit dem Willen zur freien Selbstbestimmung zu tun. Vielleicht drohen wir zu unfreien Puppen im Büchnerschen Sinn zu verkommen, weil wir abgehört und vermarktet an vielen Drähten zappeln und längst nicht mehr genug Widerstand leisten. Keine oder nur die falschen Fragen stellen.

Literatur ist unser Visum für den Zutritt in die Sphäre der Freiheit. Sie war daher zu allen Zeiten gefürchtet von jenen, die ihre Macht missbrauchten, um über die Freiheit zu herrschen und die Menschen zu knechten. Büchner und Schiller sind für mich in diesem Sinn Freiheitsheroen, die uns Wege geebnet und einen hohen Preis gezahlt haben. Hark Olufs, versklavt, verführt und verloren in einer fremden Welt, hat von dieser Freiheit geträumt und sie tatsächlich geschenkt bekommen.

Büchners Testament aus „Dantons Tod“: „Ich war geboren, um zu dichten und die Unglücklichen zu verteidigen.“

Damit ist auch alles darüber gesagt, was mich als Schriftsteller seit Schülertagen antreibt und mich ausmacht. Für die Anerkennung als „aufrechter Autor“ durch den Alfred-Müller-Felsenburg-Preis in diesem Sinn danke ich ausdrücklich und freue mich sehr.

 

 

Handschriftliche Entwürfe von Udo Weinbörner zu Gedichten, aus Zart will ich dich berühren, Gedichte, Universitätsverlag Brockmeyer, Bochum